„Ein Jahr noch, und dann ist es aus“

Diesen Satz sagt Felix zu seiner Geliebten Marie, als sie im Prater in einem Wirtshaus sitzen. Dieser Satz ist der Anfang eines Verhängnisses, das Arthur Schnitzler in seiner Novelle „Sterben“ auf 134 Seiten aufrollt und von allen Seiten beleuchtet, auf so packende Weise, dass man das Buch kaum weglegen mag.

Felix ist krank, sterbenskrank – oder glaubt er nur, es zu sein? Es gibt allenfalls diffuse Symptome.  Sein Arzt Alfred äußert sich gleichzeitig so vage, resolut und Mut machend, dass es argwöhnisch macht. Entweder ist Felix ein Hypochonder oder ein todkranker junger Mann. Jedenfalls ist er davon überzeugt, in einem Jahr sterben zu müssen. In ihrer Verzweiflung und Angst verspricht Marie, mit ihm zu sterben.

Man könnte glauben, dass dies ein trauriges, vielleicht gar trostloses Buch sei, resignativ durch das schwere Thema. Dass es kein Happy End geben wird, ist in der Atmosphäre der Geschichte angelegt. Wie das Ende aussehen wird, jedoch nicht, es bleibt bis zum Schluss spannend. Und nicht weniger spannend ist die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens, der Liebe, des Schönen und des Schrecklichen. Schnitzlers unvergleichliche, poetische Sprache schafft eine oszillierende Schönheit, die – gepaart mit der inhaltlichen Spannung – den Leser in den Bann schlägt.

Im Spannungsfeld der starken Nähe zweier Verschwörer in Erwartung des baldigen gemeinsamen Endes und der großen Entfremdung, als Marie von ihrem Lebenswillen gepackt wird, fühlt man als Leser mal mit der einen, dann mit der anderen Figur, ist hin- und hergerissen und kann es kaum aushalten, nicht zu wissen, was nun wirklich los ist. Denn Schnitzler benennt die Krankheit an keiner Stelle, man weiß sehr lange nicht, ob Felix wirklich krank ist oder sich alles nur einbildet.

So geht es auch Marie. Während eines Kuraufenthalts in den Bergen scheint Felix wieder zu genesen, das quälende Versprechen Maries, mit ihm in den Tod zu gehen, scheint sie nicht einhalten zu müssen. Fast könnte man glauben, dass nun alles gut würde. Fast. Wenn da nur nicht dieser immerwährende Zweifel wäre, den Arthur Schnitzler meisterhaft zwischen den Zeilen hält.

Wie diese großartige Novelle endet, soll hier nicht vorweggenommen werden. „Sterben“ ist ein wunderbares Buch für den November, für die stillere Zeit. Der Verzicht auf drastische Schilderungen und Effekte macht die Erzählung stark und zeigt, wie weite Räume sich mit poetischer, bildhafter Sprache und Andeutungen öffnen lassen. Man darf als Leser hier Phantasie haben.

Dieser Band trägt die Nummer 14 der Reihe „Perlen der Literatur“ aus dem Input-Verlag und zeichnet sich, wie die anderen Bände auch, durch sein bibliophiles Erscheinungsbild aus. Dadurch wird das Lesevergnügen noch einmal gesteigert. Mehr über die außergewöhnliche Reihe finden Sie in diesem Artikel:

Arthur Schnitzler: Sterben
Perlen der Literatur, Band 14
Input-Verlag, Hamburg 2022

Hinter den Bergen wechseln die Farben

Der gut hundert Seiten umfassende Gedichtband beginnt mit „Wach auf“ und endet mit der Sonne. Dieses „Wach auf“ mag Erzählung und Aufforderung zugleich sein, und zwischen diesem Aufwachen und der Sonne kann eine Nacht, ein Jahr oder ein ganzes Leben liegen. Gino Leinewebers Gedichte kommen wie aus einem Atemzug geboren daher, wie ein Bewusstseinsstrom, kontinuierlich und mit einem gewissen Tempo, aber nicht atemlos, eher als meditative Reise durch die Innenwelt. Faszinierend dabei ist, dass es nicht bei dem Einblick in die Innenwelt des Dichters bleibt, sondern dort beginnt und in die Innenwelt der Leserin führt. Aufwachen also, und dann die Reise durch Verse, Gedichte, Seiten beginnen. Sehr weniges wird benannt und auserzählt, sehr vieles angedeutet, und darin liegt auch das Geheimnis dieser lyrischen Rezeptur: „ (…) Sie tut dann so als ob … // Doch ich weiß / Sie hat mich im Blick / Lässt mich nie / Aus den Augen (…)“ (S. 10) Diese Andeutungen, mit denen der Dichter Empfindungen beschreibt, die man selbst womöglich gar nicht in Worte kleiden könnte oder die zu benennen einem nicht eingefallen wäre, treffen direkt ins Schwarze. Was ist Realität? Wie frei ist der viel beschworene Freie Wille? Es geht ums Erkennen, Versäumen, um Mut und vor allem um die Vergänglichkeit. Um die Kraft von Gedanken, nicht zuletzt darum, frei zu werden, wüsste man, was das bedeutet. Gehen wir mit mehr Erkenntnissen von dieser Welt, als wir gekommen sind? Sehen wir die reale Welt oder bauen wir uns eine Welt aus dem, was wir sehen?

Alle Gedichte sind miteinander verbunden, ohne dass auf den ersten Blick offensichtliche Bezüge bestehen. Es empfiehlt sich, das Buch direkt hintereinander zweimal zu lesen, damit sich diese ganz offenbaren. Wie weit beispielsweise Erlebnisse der Kindheit in den Rest des Lebens hineinwirken, lässt sich in diesem Lyrikband finden. Ob wirklich jemand unter der Treppe sitzt oder ob einer gleich mal da hochkommt – viele kennen solche „Erziehungsmaßnahmen“, und in der Beschäftigung mit diese Gedichten sind für mich viele vage Momente, Erlebnisse und Prägungen aus meinem Leben klar und greifbar geworden.

Dabei bleibt Gino Leineweber nicht im Detail, sondern schaut immer auf das große Ganze, wirft einen philosophischen Blick auf das Leben. Trotz der auch schweren Themen schafft er es, mit Humor die manchmal komplizierten und leicht abgehobenen Gedankengänge zu erden: „(…) Kann es sein / Dass ich mich nur denke? // Könnte sein!“ (S. 94).

Einiges habe ich nach der Lektüre aus einer anderen Perspektive betrachtet, zum Beispiel Traurigkeit:

Traurig zu sein
Wird unterschätzt
Es heißt nicht
Wie beim Glück
Hinterherlaufen und einfangen

Traurig zu sein
Kommt von allein
Meist unverhofft
Man bleibt für sich
Keiner will etwas abhaben

Traurig zu sein
Heißt die Kontrolle zu verlieren
Man fühlt für sich allein
Kann sich hingeben
Sieht sich selbst

(S. 98)

Die Gedichte dieses Bandes sind in nur einer Woche entstanden, wie der Klappentext verrät. Es ist also tatsächlich eine Art Bewusstseinsstrom in Lyrik, und man kann sich diesem Strom hingeben, alle Gedichte hintereinander weglesen und wieder von vorn anfangen, als wandelte man Seite an Seite mit dem Dichter durch die Landschaft oder säße mit ihm in einem Zug auf einer weiten Reise. Das habe ich getan, aber danach konnte ich mich auch nicht recht von dem Buch trennen. Nun schlage ich es willkürlich auf und lese ein Gedicht, manchmal auch zwei oder drei. Manchmal lache ich, manchmal bin ich nachdenklich oder den Tränen nah. In jedem Fall gehört dieser Band in meine private Kategorie „Ein Buch wie ein Freund“, und so kann ich ihn all jenen empfehlen, die gern über den eigenen Tellerrand schauen. Vielleicht bis zu den Bergen, hinter denen die Farben wechseln. (S. 9)

Gino Leinweber: Eine Weile Schon (Gedichte), 104 S., Verlag Expeditionen, Hamburg 2020

Der Zauber des Augenblicks

Eine große Ehre ist es für mich, bei diesem wunderbaren Konzertabend mit meinen Haiku und Tanka mitwirken zu dürfen:

Unter dem Motto „Der Zauber des Augenblicks“ lädt, gemeinsam mit der Kirchengemeinde Wedel, das Deutsch-Japanische Forum Elbe e. V. zu einem herbstlichen Konzert- und Japanabend am 5. November 2022 um 18:00 Uhr ein. Das Konzert findet in der Immanuelkirche in Wedel (Küsterstraße 4) statt, anschließend ziehen wir in den Gemeindesaal, die Risthütte, um, wo wir bei Tee und japanischen Snacks sowie einem kleinen Kulturprogramm den Abend fortsetzen wollen.

Im Konzert erwartet Sie, passend zur Jahreszeit und der im Herbst in Japan seit über tausend Jahren stattfindenden Mondschau (tsukimi), ein abwechslungsreiches Programm mit japanischen Liedern und Musikstücken, welches der Sakura-Chor des DJFE und verschiedene Solist*innen darbieten. Da Herbstmondfeste und Poesie untrennbar miteinander verbunden sind, ist ein weiteres Highlight die Lesung von Haikus durch die Hamburger Lyrikerin Maren Schönfeld, welche das Konzertprogramm ergänzen. Außerdem verraten wir Ihnen, warum in Japan ein Hase im Mond zu finden ist und welche Traditionen noch die tsukimi-Feiern in Japan begleiten.

Im Anschluss an das Konzert werden nebenan in der Gemeindesaal, der Risthütte, Tee und japanische Snacks angeboten, und ein kleines Kulturprogramm, u. a. mit Kimonoausstellung, Tombola und Kunstgalerie, ermöglicht einen weiteren Einblick in die japanische Kultur sowie den interkulturellen Austausch.

Der Eintritt ist frei, es ist keine Voranmeldung notwendig.
Spenden sind gerne willkommen.

Miki Sawai, Sopran
Mana Abe, Mezzosopran
Mio Sasaki, Violine
Mariko Inoue, Viola
Lisa Malinski, Violoncello
Sabine Malsch, Tischharfe
Harald Maihold, Klarinette
Nao Ueda, Klavier
Sakura-Chor des DJFE
Maren Schönfeld: Haiku-Lyrik
Julia Hackenberg: Moderation

20221105_Wedel_Poster-finalHerunterladen

(Text: Deutsch-Japanisches Forum Elbe e.V.)

Vom Lesen und Reden

Rar sind solche Abende geworden, seit Corona den Fluss der Veranstaltungen unterbrochen hat. Danke an alle Gäste für die Aufmerksamkeit, die Fragen und Beiträge. Was haben wir im Gespräch und zwischen uns bewegt! Sind mir Engel begegnet? Vermischen sich in André Schinkels Texten Schriftstellerei und Archäologie? Wird bald Künstliche Intelligenz Bücher schreiben? Wer weiß das schon …

Wir haben uns riesig gefreut und hoffen auf Fortsetzung.

André Schinkel und ich, Foto: Sibylle Hoffmann

Auftakt meiner Lesungen im Herbst

Den Anfang machen André Schinkel aus Halle an der Saale und ich am 24. Oktober:

(c) Marlis Dammann

Ein plierender Mond, verzauberte Gärten und solche, durch die achtlos Engel wandeln… Wesen des Taglichts und Schatten von Wesen, die sich zwischen Tag und Traum bewegen, aber manchmal auch in der schlichten, harten Alltagswelt. So könnte es sein, wenn diese beiden Poeten einen gemeinsamen Abend begehen.

In André Schinkels Parabeln, Erzählungen und der Flash Fiction geht es durch die Facetten des Alltags, des Lebens, der Innenwelt. Mal verwunschen, mal ernüchternd, oft humorvoll. Er ist eine Art Issa in der Prosa, wenn er von Bohrmuscheln, Waldkäuzen und Ammern schreibt, das vermeintlich Kleine ins Licht hält. Und immer die Frage, wie der Mensch, das Ich, in seinem Lebensraum steht und sich bewegt; was er wahrnimmt, wie er umgeht mit der Natur und Schöpfung und nicht zuletzt mit seinem Gegenüber. Hier findet sich die Verbindung zu Maren Schönfelds Engel-Gedichten. Sie lotet die Beziehung zwischen Mensch und Engel aus. Engel sind in der Leichtigkeit von Blumen und Pflanzen, von Vögeln, im Wind, im Licht, im Schatten ihrer selbst oder im Nachbarsgarten zu finden. Ihr „Woher“ ist nie das des Menschen. Ihr „Wohin“ vielleicht. Mit der Frage des Woher und Wohin schließt sich der literarische Kreis beider Poeten.

Wir lesen am 24.10.2022 um 19 Uhr in der ev.-meth. Kirche Bethanienhöfe: https://schoenfeld.blog/lesungen/

Das war Altona macht auf 2022!

Vielen herzlichen Dank an alle Elfchen-Dichterinnen und -Dichter, ich habe mich sehr gefreut!

Vielen Dank an Heike Suzanne Hartmann-Heesch, Hildegard Dohrendorf, Hartmut Höhne, Susanne Brandt, Kirsten Döbler, Margret Silvester, Hanna Malzahn, Ulrike Gaate, Hannelore Schneidereit und Sabine Ehresmann.

Mitmachaktion: Altonale-Elfchen

Macht mit! Am 30.06.2022 lese ich Eure Elfchen vor!

So macht Ihr mit:

  1. Ihr schreibt ein Elfchen mit Altona-Bezug. Das erste Wort kann ein Tier, eine Farbe oder etwas Typisches für Altona sein (Hühnertwiete, Mottenburg…)
  2. Ihr schickt das Elfchen per Mail an mich: maren@zeitform-kunstbuero.de oder werft es in der Eulenstr. 51 in den Flyerkasten
  3. Am nächsten Donnerstag auf Gesches Runde lese ich die Elfchen vor.

Gestern haben das Publikum und ich dieses Elfchen zusammen geschrieben:

Tauben
blau, taub
fliegen, fressen, gurren
ich habe Tauben im
Garten

Elfchenanleitung

Elfchen
ein Gedicht
mit elf Wörtern
in fünf Zeilen wie
hier

  1. Zeile: Auftaktwort
  2. Zeile: Zwei Wörter (wie es ist)
  3. Zeile: Drei Wörter (was es macht)
  4. Zeile: Bezug zum Ich/was bedeutet es für dich
  5. Zeile: Schlusswort

Altona macht wieder auf!

Wann kommen sie?

ALTONA
MACHT AUF!
Aus dem Fenster
kommt die Kunst für
EUCH

(Das ist ein Elfchen 😊)

23. und 30.06.2022, zwischen 18 und 23 Uhr

Heike Suzanne Hartmann-Heesch: Lesung „Marienkäfer können fliegen“

Maren Schönfeld: Aktionsgedicht „Elfchen to go“ mit dem Publikum

Wolfgang CG Schönfeld: Live-Musik an der Bassgitarre „Memories“ und „Bitte warten Sie“ (eigene Kompositionen)

Eulenstr. 51, 22765 Hamburg

Tour A Ottensen mit Gesche Lundbeck „Irgendwas mit Rebellion oder poetischem Widerstand“, Start Nernstweg 32-34 um 18 Uhr

Schreibt ein Elfchen und…

… bringt es vorbei in den Flyerkasten Eulenstr. 51 oder schickt es per Mail an maren@zeitform-kunstbuero.de. Ich lese die Elfchen dann am 30.06. vor!

Elfchen
ein Gedicht
mit elf Wörtern
in fünf Zeilen wie
hier

  1. Zeile: Auftaktwort
  2. Zeile: Zwei Wörter (wie es ist)
  3. Zeile: Drei Wörter (was es macht)
  4. Zeile: Bezug zum Ich/was bedeutet es für dich
  5. Zeile: Schlusswort

Hamburg: Tag-Nacht-Stadt

Wenn zwei Dichter, die ganz unterschiedlich schreiben, in derselben Stadt leben und diese bedichten, kommt ein Kaleidoskop in Bildern und Worten zusammen. Der eine schreibt über Fußball und Joggen, die andere vom stillen Gehen am Elbufer. Nachtschatten und Nebelschwaden ziehen durch die Gedichte beider Lyriker. Hafen, Hagenbeck, Autobahn und Bahnfahren und natürlich der „Moonriver“ Elbe sind Gegenstand ihrer freien Verse. Dr. Hans Krech ist u. a.  Dichter, Fußballer und Bürgerrechtler und lebt in Hamburg-Othmarschen. Maren Schönfeld ist Lyrikerin, Journalistin und Lektorin und lebt in Hamburg-Ottensen. In einer szenischen Lesung werden beide gemeinsam ihre Gedichte und Prosaskizzen vortragen. Dabei erwarten die Zuhörer auch ungewöhnliche Formen wie z. B. ein Triptychon aus Gedichten oder das Haiku als Strophenform.

„Ein frecher Fiedelstreich mit Duo Faltenreich“ (Kulturwerk Rahlstedt) bereichert die Gedichte und Prosaskizzen einfühlsam und auch schwungvoll. Helmut Stuarnig (Geige) und Regine Münchow (Akkordeon) sind das „Duo Faltenreich“, bekannt u.a. für ihre Klezmer-Musik.

Vortrag: Dr. Hans Krech (Lyriker), Maren Schönfeld (Lyrikerin)
Musik: Duo Faltenreich

Donnerstag, 14. April 2022, 20 Uhr

Kulturcafé Komm du, Buxtehuder Str. 13, 21073 Hamburg

Eintritt frei, Hutspende willkommen

https://www.hans-krech.de/