Verheddert in der Weltwahrnehmung*

Arzt: Hören Sie Stimmen? Patientin: Sie nicht? (S. 6)

Fassungslos steht Paula vor der Tatsache, dass Moja ihren hoffnungsvollen Weg ins Leben nicht nur verlassen, sondern aufgegeben hat. Mojas Welt besteht aus dem, was in ihrem Kopf geschieht, sie entwickelt einen eigenen Lebens- und Alltagsrhythmus, ist oft müde, raucht viel und überlegt, woher sie Gras bekommen könnte. Ihre Mutter fürchtet sich vor dem Lachen der Tochter. Ihre Tochter scheint sich vor der Aufgeräumtheit der Mutter zu fürchten.  

Ruth Loosli ist es gelungen, diese Geschichte mit einer Sogkraft zu erzählen und den Text derart zu verdichten, dass es stellenweise kaum auszuhalten ist. Damit macht sie die Gefühlswelt beider Frauen nicht nur verständlich, sondern spürbar, in einer Intensität, die einen kaum loslässt. Dabei bezieht sie das Schreibkonzept in die Erzählung der Figuren ein. Begonnen in Ich-Form aus Paulas Sicht, wechselt sie nach dem ersten Abschnitt in die personelle, auktoriale Perspektive: „Ich brauche Distanz. Ich will nicht implodieren“. (S. 26) „Die Mutter lenkt sich ab. Die Mutter hat einen Namen: Paula.“ (S. 31) Erst ganz zum Schluss wechselt sie wieder in Paulas Ich-Perspektive und schließt damit den Kreis.

Madonna sagt, wo es langgeht

In all dieser Intensität, mit der die Autorin diese Geschichte recht chronisch am Verlauf der Krankheit Mojas entlang erzählt, wertet sie an keiner Stelle. Sie beschreibt, wie sich beide Frauen fühlen, manchmal schafft sie sogar parallele Erzählstränge, wenn beispielsweise beide Frauen erwachen, beschreibt deren verschiedene Weisen, den Tag zu beginnen. Somit verwebt sie Mutter und Tochter miteinander und hebt streckenweise krank und gesund gegeneinander auf, was eine faszinierende Wirkung hat. Die Mutter träumt Stimmen und Bilder, die Tochter hört Stimmen von bestimmten Personen wie z.B. der Sängerin Madonna. Aber auch Paula hat Momente, wie wir womöglich alle, in denen sie in ihre Traumwelt versinkt, sich in Sorgen oder Fantasien ergeht. Wer ist nun „ver-rückt“?

Die kleine Familie, bestehend aus Paula, Moja und dem Bruder Jonas, die durch den Tod des Vaters viele Jahre zuvor traumatisiert wurde, hält zusammen. Die Wucht, mit der Mojas Krankheit alle beherrscht, Familie und Freunde, ist erstickend und wirkt weit über die Lektüre des Buchs hinaus. Aber der Humor, den Ruth Loosli feinsinnig einsetzt, manchmal auch Galgenhumor, bringt andererseits eine Leichtigkeit, die über die Dichte und Schwere der Erzählung hinweghilft.

Hin und wieder hört man im Literaturbetrieb die These, Lyriker könnten keine Romane schreiben. Diese These hat Ruth Loosli eindrucksvoll widerlegt. Ihr ist es gelungen, einen lyrisch dichten, bild- und lebhaften Roman zu schreiben, den ich sehr gern zweimal gelesen habe und der über die Lektüre hinaus lange im Gedächtnis bleibt; ja, der auch Betroffenen und Angehörigen helfen kann, einen Umgang mit an Schizophrenie Erkrankten zu finden und Verständnis für dieses kaum in der Öffentlichkeit thematisierte Krankheitsbild zu entwickeln.

Cover: Caracol Verlag

Ruth Loosli: Mojas Stimmen
Roman
Caracol Verlag, Warth 2021

ISBN 987-3-907296-05-9

caracol-verlag.ch
Website der Autorin: ruthloosli.ch


[i] Quelle: https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/studie-was-ist-dran-am-mythos-hotel-mama-1.4454554521

*Zitat S. 199

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