Alle Beiträge von Maren Schönfeld

Über Maren Schönfeld

Ich bin Autorin und Schreibcoach. Bei mir bist du richtig, wenn du kurze, klare und direkte Feedbacks und Impulse bekommen möchtest, kritikfähig und ein positiver Mensch bist. Dann sind meine Ratgeber etwas für dich. Vielleicht gefallen dir auch meine Gedichte und Geschichten, vielleicht teilst du meine Freude an der Sprache und magst Farben und lyrische Bilder. Ich freue mich immer über den Austausch mit anderen Schreibenden.

Nach der Sommerpause…

Wenn ich in mein Planungsbuch schaue, staune ich über die vielen Lesungen, die ich in diesem Jahr bereits halten durfte, entweder allein oder mit lieben Gleichgesinnten der schreibenden Zunft. Jede war ein leuchtender Stern am manchmal dunklen Nachthimmel. Die vielen inspirierenden und bestärkenden Begegnungen und Reaktionen haben mich berührt, erfreut, ermutigt und ermuntert – dafür danke ich Euch allen, nah und fern, noch einmal sehr, sehr herzlich!

Mit zwei ersten Plätzen (bei der altonale-Lesebühne und beim Kurzgeschichtenpreis der Hamburger Autorenvereinigung) fühle ich mich reich beschenkt und ein wenig auch beauftragt, mich der Prosa wieder zuzuwenden, die ich in den letzten Jahren eher vernachlässigt hatte, weil der Schwerpunkt auf den Gedichten und im sachlichen Bereich lag. Den ersten Impuls dazu gab mir mein lieber Kollege und Freund André Schinkel aus Halle, als wir gemeinsam 2022 in den Bethanienhöfen aus unseren neuen Büchern lasen und er mir die Flash Fiction näherbrachte.

Viele von Euch kennen die Bethanienhöfe im Zusammenhang mit mir und der Hamburger Autorenvereinigung als Leseort. Dass dort die ev.-methodistische Kirche zu Hause ist, hat für die Gäste der Lesungen eine untergeordnete Rolle gespielt. Meine Verbindung dorthin wurde jedoch in den letzten Jahren immer intensiver und nun habe ich mich entschieden, in die Gemeinde einzutreten. Das wird sich auch literarisch auswirken, weil ich zuweilen mit meinen Gedichten und vielleicht auch Geschichten im Rahmen der Glaubensveranstaltungen vertreten sein werde. Die Seite meiner Glaubensgedichte war in der Vergangenheit für mein Gefühl noch nicht ausreichend in die Welt gekommen. Mein Buch „Engelschatten“ hat den Anfang gemacht und jetzt bin ich ganz konkret mit meinem Projekt „Glaubens-Elfchen“ unterwegs, das es zwar bislang nicht als Buch gibt, aus dem aber in Form spiritueller Impulse zur Nacht der Kirchen am 16. September ab 20 Uhr in den Bethanienhöfen etwas zu erleben sein wird. Alle Gäste bekommen (solange der Vorrat reicht!) eine Glaubenspostkarte mit einem Elfchen zu einem Bibelvers und den Veranstaltungskalender der Kirche für September geschenkt. Ab ca. 21 Uhr wird Pastor Uwe Onnen Segensbändchen an die Anwesenden verteilen. Schaut doch mal vorbei, genießt den außergewöhnlichen Raum mit seinem Lichtkreuz und kommt mit mir, Wolfgang, meinen Hauskreiskollegen und den Gemeindemitgliedern ins Gespräch. Es wird auch Taizé-Musik geben und das Singen ist erwünscht…

Wenn der Kollege Albrecht Classen aus Tucson/Arizona für eine Woche in Hamburg weilt, werden mein Verleger und Lyrikfreund Gino Leineweber und ich gemeinsam mit ihm eine Lesung mit Werkstattgespräch haben. Wir drei lesen im kleinen Gemeinderaum der ev.-meth. Kirche Bethanienhöfe aus unseren Gedichten und sprechen über das Schreiben und die Literatur. Wir freuen uns auf Euch am 30. September um 17 Uhr.

Alle weiteren Planungen für Lesungen und Schreibwerkstätten findet Ihr auf der Seite Lesungen/Termine (s. Menüleiste oben).

„Es war der erste Tag ihres neuen Lebens…“

Zum zweiten Mal in diesem Jahr gewinne ich mit dem Prosatext „Das Wunschkind“ den ersten Preis! Bin sehr glücklich und bedanke mich bei der Hamburger Autorenvereinigung und dem Publikum des gestrigen Abends herzlichst! Ebenfalls herzlich gratuliere ich Rainer Lewandowski zum zweiten und Reimer Boy Eilers zum dritten Preis.

Unten findet Ihr eine kleine Fotogalerie und hier könnt Ihr meine Kurzgeschichte lesen:

Das Wunschkind

Es war der erste Tag ihres neuen Lebens, allein mit dem Kind. Es schlief. Der Vater war bei der Arbeit. An diesem Tag würde niemand mehr zu Besuch kommen, alle hatten ihre Antrittsbesuche gemacht. Die Hebamme war morgens da gewesen, ihr war nichts Ungewöhnliches aufgefallen oder sie ließ sich nichts anmerken. Das Kind atmete ruhig.

„Es war der erste Tag ihres neuen Lebens…“ weiterlesen

„Als ich zum ersten Mal…“

… für den Kurzgeschichtenpreis der Hamburger Autorenvereinigung nominiert war, bekam ich den zweiten Platz! Dieses Jahr heißt das Motto „Als ich zum ersten Mal…“ und ich bin zum zweiten Mal nominiert, was mich natürlich riesig freut. Demnach müsste ich also, um die Gleichung perfekt zu machen, nun den … Preis bekommen?!


In einer Lesung werden wir sechs Finalisten unsere Kurzgeschichten präsentieren. Dann entscheidet das Publikum in einer geheimen Abstimmung, wer aufs Treppchen kommt.

Seid Ihr dabei?

Donnerstag, 24. August 2023, 19:30 Uhr
Alfred-Schnittke-Akademie, Max-Brauer-Allee 24, 22765 Hamburg (nahe dem Altonaer Bahnhof)

Aus dem Einladungstext:

Wir vergeben live den vierten Kurzgeschichtenpreis der Hamburger Autorenvereinigung!
Seien Sie gespannt auf sechs 10-minütige Lesungen – und stimmen Sie vor Ort mit ab über die drei Siegertexte. In die Endrunde sind gekommen (in der Lesereihenfolge aufgelistet):
Maren Schönfeld
Uwe Friesel
Sibylle Hoffmann
Reimer Eilers
Rainer Lewandowski
László Kova

Musikalische Umrahmung: Marina Savova

Eintritt: 9 €; ermäßigt 6 €, Mitglieder frei
Gefördert von der Behörde für Kultur und Medien.

Hier stelle ich die Einladung zum Download bereit:

Eine super Sache: Der Autorenwelt-Büchershop

Nicht neu, aber neu, wie es in der TV-Werbung heißt: Der Büchershop der Autorenwelt. Ich habe nun endlich die Kurve gekriegt und auch meine im Buchhandel erhältlichen Titel dort registriert. Es gab sie schon immer im Autorenwelt-Shop, aber nach der Registrierung erhalte ich bei jedem Verkauf eine Marge, die höher ist als diejenige, die man üblicherweise für im Buchhandel verkaufte Exemplare erhält. Das ist doch eine feine Sache, oder?

Wenn Ihr mal reinschauen wollt: https://shop.autorenwelt.de/?q=Maren%20Sch%C3%B6nfeld&hPP=18&idx=shopify_prod_products&p=0

Natürlich gibt es dort noch jede Menge anderer Bücher :-). Wenn Ihr diese dort bestellt, tut Ihr ein gutes Werk für die Angehörigen der schreibenden Zunft. Danke!

Ich hab die Motte gekriegt!

Allein auf der altonale-Lesebühne lesen zu dürfen, war schon eine große Ehre. Mit zehn hochkarätigen Kolleginnen und Kollegen ging es in den Wettbewerb. Verschiedener hätten die Beiträge kaum sein können, von lustigem Gedicht bis ernster Geschichte, Prosaminiatur bis Slampoetry, eindringlichem Vortrag und „Jaaazz!“ mit dem Publikum glänzte der Abend mit reichlich Abwechslung. Ich war sehr froh, nicht in der Jury zu sein!

Und dann die Überraschung in Form der Goldenen Lesemotte 2023 für meine Kurzgeschichte „Das Wunschkind“! Ich bin sehr glücklich. Was für ein wunderbares Wiedersehen bei der altonale-Lesebühne nach einer sehr langen Pause, in der ich bei „altona macht auf“ aktiv war.

Herzliche Glückwünsche an Nikola Anne Mehlhorn (Silberne Lesemotte) und Marv Mellow (Bronzene Lesemotte). Und ganz herzlichen Dank an die Textfabrique51 und das Kulturzentrum DIE MOTTE für die Organisation.

Fotos: Ralf Plenz (1/3); Sabine Ehresmann (2,4)

Ein Drängen, das auf verstürzten Wegen Freiheit sucht

Gedenken an meinen Freund und Kollegen Winfried Korf (1941-2021)

Karin Grubert und Winfried Korf 2013 bei der Internationalen Gartenschau Wilhelmsburg. Foto: Johanna Renate Wöhlke

Als ich, frisch gebackene Sekretärin der Hamburger Autorenvereinigung, mit dem Korrekturlesen der Beiträge für die Anthologie „Spuk in Hamburg“ (Verlag Expeditionen, Hamburg 2014) befasst war, beeindruckten mich zwei Gedichte eines Lyrikers besonders, den ich bislang nur vom Sehen kannte. Dieser Lyriker arbeitete sehr traditionell, mit einem packend bildhaften und eloquenten Wortschatz, geschliffenem Metrum und gestochenem Versmaß. Wer war dieser Mensch, der einer offiziellen Version der Gattung Lyrik „linksbündiger Flattersatz“ mit althergebrachter Wortgewaltigkeit trotzte?

Bei unserer Lesung zur Vorstellung der Anthologie ließ ich mir auch ihm ein Autogramm auf seine Autorenseite schreiben. Seine Widmung lautete: „In Erinnerung an die glanzvolle Vorstellung unserer Anthologie“. Seine Schrift war genauso wie seine Gedichte: Barock und verschlungen.

Einige Jahre später war unser Kontakt zu einer Freundschaft gediehen, die auch das gemeinsame Arbeiten an unseren Gedichten – für eine ganze Zeit auch zu dritt mit einer weiteren HAV-Kollegin – einschloss. Wir diskutierten, manchmal hart, über Formulierungen und den Sinn von Interpunktion in Gedichten. Man konnte sich an ihm die Zähne ausbeißen! Aber gerade das machte es so spannend, denn sein Humor verließ ihn dabei nie. Unsere völlig unterschiedliche Art zu schreiben war kein Hindernis, sondern gerade eine Bereicherung. Dabei hatte Winfried die Angewohnheit, zu „schweren Fällen“ nicht nur Bearbeitungsvorschläge zu unterbreiten, sondern ein eigenes Parallelgedicht zu schreiben. Eine einzigartige Erfahrung, die eine völlig neue Perspektive auf den eigenen Text eröffnete.

Diese Parallelgedichte sind nun, gut anderthalb Jahre nach seinem Tod, neben seinen wunderbar gestalteten handschriftlichen Briefen und seinen Gedichten, ein großer Schatz für mich.

Winfried Korf war Maler, Zeichner, Lyriker. Er war auch Historiker, Dozent in der Erwachsenenbildung und Dramaturg, er spielte Klavier, er war ein Tausendsassa. Und er war ein Mensch, der niemals stillzustehen schien. Wenn er nicht schrieb, zeichnete er. Wenn er nicht malte, fotografierte er. Er war ein Getriebener, manchmal kam er mir vor wie jemand, dessen Kerzen an beiden Enden brannte. In seiner letzten Lebensphase sagte er mehrmals, er könne noch nicht sterben, er habe noch zu viel vor. Und bis zu seinem letzten Tag am 14.12.2021 schrieb und malte er, unermüdlich. Die Überschrift dieses Textes, ein Zitat aus seinem Gedicht „Ewige Wanderung“ (Buchtitel s. u.) erscheint mir wie eine Beschreibung seines Wesens. Das Drängen, das ihn antrieb, blieb bis zum letzten Moment. Er hinterließ Mengen an Werken in Wort und Bild, ein Gesamtkunstwerk, das seine Frau Karin Grubert nun unermüdlich ordnet, sortiert und erfasst. Berührend dabei ist, dass er selbst vieles zusammengestellt hatte, das Ordnen seiner künstlerischen Dinge könnte man als Vermächtnis auffassen.

Uns verband die Lyrik, die Literatur, ein wenig auch die Malerei. Natürlich flossen in unsere Gespräche seine umfangreichen Kenntnisse aus den anderen Bereichen seines Wissens ein, aber nie schulmeisterlich, sondern immer dezent, zurückhaltend und bereichernd. Sein Sinn für das Schöne, der Hang, jede Box für Notizzettel, jede Schachtel, jede Mappe mit künstlerischen Elementen zu veredeln, umgab ihn wie ein Raum, in dem er lebte. Alles, was er anfasste, machte er zu Kunst.

Unsere Gespräche über unsere Gedichte, aber auch über andere Literatur, über das Leben, Gott und die Welt, den Garten, die Liebe – diese Gespräche fehlen mir unendlich. Dankbar bin ich dafür, dass wir uns begegnet sind. Dankbar auch für seine Gedichte, mit denen er seine Handschrift hinterlassen hat. Spät entdeckte er, der Reimdichter, das ungereimte und minimalistische Haiku; eine Form, der er exzessiv frönte und sie auch mit seinen Fotografien zusammenbrachte. Vielleicht hätte er heute, bei einer Feier anlässlich seines 82. Geburtstag, in fröhlicher Runde welche zitiert. Ganz bestimmt ist dieser Tag ein Anlass, in seinen Gedichtbänden zu lesen. Dies ist eins meiner Lieblingsgedichte:

Auf dem Stege
Betrachtungen im Böhmerwald

Immer anders, immer gleich: Geweb’ der Wellen,
Die hurtig über Wehr und Felsen schnellen,
Im Lichte springen, gleich gejagten Rudeln
im dunklen Grunde unter Wurzeln strudeln.

Immer gleich und immer anders: Streit der Steine.
Jeglicher am andern und für sich alleine
Werden sie flussab geschoben und im Schieben
Aneinander zu Geröll und Sand zerrieben
Und als Stoff zum späteren Gebären
Neuer Bergeswelt begraben in den Meeren. –

„Du steigst nicht zweimal in denselben Fluss“:
Er ist es und er ist es nicht.
Du bist es und du bist es nicht.
Wir alle ändern Leben, Lauf, Gesicht –
Ein jeglicher nach seinem Muss.

Und doch ist’s nur die eine Sphäre,
Darin Zerstörer durch die Zeiten kreisen,
Sich steigern, gipfeln, mindern und zerreißen,
Sich verflammend ineinander schweißen
Zu Gestalten, schmelzend in der Leere,

Daraus der Geist sich seine Körper schafft:
Die Dinge als Verdichtungen der Kraft.
Von dem Stege zwischen Hier und Dort,
Von seines Bogens aufgewölbtem Ort,
Der, keines Ufers Eigen, beide bindet
Und überschreitet und kein Ziel je findet,

Schau‘ ich hinunter auf das Schnellen,
Auf das Geweb‘ der Steine und der Wellen:
Strömen, strömen, strömen – Takt der Zeit,
Verschränkt in den Kristall der Ewigkeit.

Winfried Korf (1941-2021): Wanderung im Abend, BoD, Norderstedt 2016

Titel von Winfried Korf bei Amazon: https://www.amazon.de/s?k=winfried+korf&crid=11IILNECC0KER&sprefix=winfried+korf%2Caps%2C89&ref=nb_sb_noss

Sandtorte

Die Küche, immer blitzsauber, roch nach Ferien, als sei vor Kurzem gebacken worden. Die Schüsseln aus braunem Steinzeug rochen irden, ein klarer Duft. Bei ihrem Anblick und wenn ich eine herausholen sollte aus dem Schrank, wenn ich ihre kühle Glätte spürte, dachte ich an den Krieg. Denn mir war gesagt worden, dass diese Schüsseln aus der Kriegszeit stammten. In der größten der drei rührte meine Großmutter Kuchenteige an, mit einem Holzlöffel und nur in eine Richtung, wenn es ein Sandkuchen werden sollte. „Sandtorte“ hieß das bei uns, obwohl es mit einer Torte nichts zu tun hatte. Ich beobachtete fasziniert, wie aus Fett, Eiern, Zucker und Mehl nach und nach eine homogene Masse entstand. Großmutter hielt die Schüssel mit dem linken Arm an ihren Leib gedrückt und rührte mit rechts. Endlos. Wenn alles gut verrührt war, stellte sie die Schüssel auf der Arbeitsfläche ab. Nun durfte ich auch rühren, schaffte aber kaum mehr als drei oder vier Runden. Aus der Kriegszeitschüssel füllte Großmutter den Teig in die noch ältere Kastenform, die aus dem Haushalt meiner Urgroßmutter stammte. In der folgenden Stunde lief ich immer wieder zum Herd, um durch das Fenster der Ofentür zu schauen, ob der Kuchen aufging.

In all den Jahren
hatte sie nie einen Fleck
Großmutters Schürze

Felsenfest

Wie immer stellt er fest, steht es fest, unumstößlich, steht er im Raum wie eine Wand. So war es zeit ihres Lebens gewesen. Vater und sein felsenfester Standpunkt. Nie hat Mutter dagegen aufbegehrt. Sie, die Tochter, erst recht nicht. Und nun erscheint es ihr wie ein stiller Protest, eine nachträglich für 30 Ehejahre aufbrechende, geballte Renitenz. Mutter vergisst das Mittagessen, die Wäsche, den Staubsauger. Sie pflückt Blumen aus dem Garten und verschenkt sie an Passanten. Sie macht die Nacht zum Tag. Sie tanzt im Wohnzimmer zu einer Musik, die es nur in ihrem Kopf gibt.

 „In unserer Familie gibt es keine Demenz“, donnert er, als die Polizei  Mutter bringt. Sie guckt durch die Tür, wendet sich dann an den Polizisten.

„Das ist nicht mein Zuhause.“

Es ist noch da

Ein Text von mir für die Reihe @introspektivminiaturen der http://www.prosa_ist_innen.de

Sie hatte alles zurückgelassen: die Möbel, die Wohnung, die Wege, die Stadt. Die Menschen, die ihr Leben ausgemacht hatten. Ein neuer Ort, neue Menschen. Alles neu. Und dann saß sie in ihrer Küche, still, am Fenster. Und plötzlich merkte sie, dass es mitgekommen war, sich augenscheinlich unbemerkt an ihre Fersen geheftet hatte. Der Duft frisch renovierter Zimmer konnte nicht darüber hinwegtäuschen: Es stand im Raum, übermächtig. Sie spürte, wie die Verzweiflung langsam in ihr hochkroch, von den kalten Füßen bis zum Hals. Wie sie ihr die Luft fast abdrückte. Sie zwang sich, tief zu atmen, aus dem Fenster zu sehen, ins Grüne. Ihren Tee zu trinken, kleine Schlucke, einen, zwei, drei. Die Verzweiflung mit Tee runterzuspülen. Es wartet auf sie. Gewiss.

Ausgelistet

Als ich 2020 meine erste Multimedia-Onlinelesung für mein Buch „Töne, metallen, trägt der Fluss – eine lyrische Elbreise“ plante und nachschauen wollte, wie der Verkaufsrang auf Amazon war, staunte ich nicht schlecht: Das Buch war plötzlich nur noch gebraucht erhältlich, dabei war es gerade mal zwei Jahre alt. Für einen Gedichtband sind zwei Jahre nichts, denn immerhin sind in meinen Gedichtbänden meist Texte aus zehn Jahren versammelt. Böses ahnend, schaute ich auch nach dem Titel „Die Peripherie des Lichts“ aus dem Jahr 2014. Der war ebenfalls nicht mehr neu zu bekommen. Der Wiesenburg-Verlag teilte mir mit, dass die Titel ausgelistet worden waren. Das war ein Moment, in dem ich bereut habe, die Titel nicht als Selfpublishing veröffentlicht zu haben, denn kurioserweise wurden meine beiden Selfpublishingtitel (2005 und 2011) nicht ausgelistet.

Ich habe daraufhin die kleinen Restbestände günstig vom Wiesenburg Verlag gekauft, damit ich sie noch weiterhin anbieten kann.

Ein Gedicht, das mir sehr am Herzen liegt und das mich auch immer wieder beschäftigt, kam mir gestern in den Sinn. Es passt in die triste Jahreszeit, in das Verharren der Natur, bevor das Leben wieder erwacht.

Blutbuche im Heinepark

Leibhaftig

Stehst du noch
Borke an Haut
kannst umfassen was
sich rau an dich schmiegt doch
dieser Gefährte wird auch dich
überdauern schrittweise
münden Tage ins Poröswerden
durchlässig zuletzt

(aus „Die Peripherie des Lichts“, Wiesenburg Verlag, Schweinfurt 2014)