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Tag 6 – Das Inselschiff

Der Insel-Verlag mit dessen Inhaber Anton Kippenberg war bekanntlich Rilkes verlegerisches Zuhause. Mit Katharina Kippenberg schrieben er und seine Frau Clara Rilke-Westhoff sich sehr intensiv, auch nach Rilkes Tod pflegte Clara den Kontakt weiter. Ruth Sieber-Rilke übernahm gemeinsam mit ihrem Mann Christoph die schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe, ein Archiv mit Rilkes Manuskripten, Briefen, Tagebüchern und Fragmenten zu erstellen. Davon berichten Sieber-Rilkes in der Ausgabe der Verlagszeitschrift „Das Inselschiff“ aus dem Jahr 1942. Nach 15 Jahren des Ordnens und Zusammentragens, unter anderem haben sie viele Briefe Rilkes bei den Empfängern erbeten, gab es neben einer dicken Mappe mit Original-Briefen auch 19 Kästen mit Briefabschriften. Und eine Kartei mit 2.248 Karten hatten sie erstellt, mit sämtlichen Gedichten nach Überschrift und Anfangszeile. Dieses Archiv war in Weimar. Rilkes Adressverzeichnis umfasste 700 Namen! Ich wüsste gern, wie viele Stunden er täglich mit dem Schreiben und Lesen von Briefen verbracht hat.

Neben der Ausgabe des „Inselschiffs“ habe ich auch eine von 1927 gelesen, die viele Würdigungen Rilkes enthielt, der im Dezember 1926 gestorben war. Besonders interessant ist der Bericht über seine Beerdigung in Raron, die klein und in aller Stille erfolgte. Das passte wohl nicht jedem, aber ich hätte es mir kaum anders vorstellen können. Seine Grabstelle ist auf unbegrenzte Zeit eingerichtet worden, und vielleicht schaffe ich es noch, einmal dorthin zu fahren und eine Rose auf sein Grab zu legen. Bis dahin ist er mir sehr gegenwärtig in seinen Werken.

„Das Inselschiff“ war 1927 ein dickes Buch, das den Freunden des Insel-Verlags zugesandt wurde. Es enthielt Vorabdrucke, Fotos, Handschriften-Faksimile, kurze literarische Texte und Ankündigungen des Verlags. Natürlich kenne ich die Insel-Bände mit den hübschen Buchdeckeln, aber diese Zeitschrift begegnete mir erst vor Kurzem, als ich eine Ausgabe geschenkt bekam. Jetzt ist sie mir hier in Marbach wieder begegnet und langsam bekomme ich Lust, weitere zu lesen. Wer also noch eins im Schrank hat: gerne anbieten!

Tag 4 – Ein Brief auf blauem Papier

Dieser Tag geht in meine persönliche Geschichtsschreibung ein, denn ich habe heute zum ersten Mal ein Original von Rainer Maria Rilke in den Händen gehalten: den Brief an Erika Mitterer, elfte Antwort genannt, aus deren Briefwechsel. Dunkelblaue oder blassschwarze Tinte und in Sütterlin-artiger Handschrift verfasst, enthält er einen Gedichtzyklus aus vier Gedichten, die durch einen privaten Einschub unterbrochen sind, nach dem ersten Gedicht. Ich habe diesen Einschub transkribiert und später mit einer Version aus dem Internet verglichen; ich hatte nur drei Fehler gemacht. Meine Lesekompetenz wird täglich besser und mir raucht auch nicht mehr ganz so stark der Kopf…

Mit Schreibmaschine verfasst ist der Verlagsvertrag zwischen Rilke und dem Insel-Verlag über die Duineser Elegien. Auflage: 9.900! Davon 900 nicht honorarfähig, weil als Frei- und Rezensionsexemplare vorgesehen. Was für Zahlen! Er war schon damals ein Star. Eine Vorschussvereinbarung enthält der Vertrag nicht, aber es ist hinlänglich bekannt, dass der Verlag seinem Lieblingsautor großzügig mit Vorschüssen aus der Klemme half. Die zehnjährige Wartezeit auf die Komplettierung der Duineser Elegien hat sich für den Verlag auf jeden Fall gelohnt mit einer mehr als hundertjährigen Verkaufsphase.

Auch mit den Elegien hat ein Aufsatz von Hans-Jost Frey aus dem Jahr 1963 zu tun, den ich am Nachmittag zu lesen begonnen habe. Er befasst sich mit Rilkes Blick auf die Dinge und mit seinen Figuren. Dies im Rahmen einer Rezension zweier Bücher, von denen ich eines unbedingt brauche. Hatte ich schon erwähnt, dass meine Literaturliste täglich länger wird? Also nicht nur die Quellenliste, sondern auch die Einkaufsliste…

Das Panoramafoto habe ich am Aussichtspunkt des Lenauwegs (links) aufgenommen

Berge draußen und drinnen

Die erste Begegnung mit dem mächtigen Betongebäude, in dem sich die Lesesäle für Bücher und Handschriften befinden, setzte voraus, dass ich wieder den nicht ganz flachen Hügel vom Collegienhaus sozusagen als Frühsport bezwang. Dafür wurde ich mit einem ausgesprochen netten Empfang belohnt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier sind wirklich außergewöhnlich freundlich und hilfsbereit. Ich bekam meinen Leseausweis und hatte zuvor in meiner Unterkunft schon einen Wlan-Code erhalten. Nun bin ich gut ausgestattet für meine Arbeit, Recherchen auf Papier und digital. Mein schöner Arbeitsplatz direkt am Fenster bietet wunderbaren Ausblick, und so habe ich mich im Laufe des Tages manches Mal zurückgelehnt und eine Weile in den Himmel geschaut.

Natürlich nicht so lange! Denn ich war ja schließlich zum Arbeiten dort. Und ich habe von dem Bücherberg schon die Spitze abgetragen. Sehr spannend war eine Rezension über das dreibändige Werk von Ulrich Fülleborn und Manfred Engel zu den Duineser Elegien, von dem mir bisher der zweite Band fehlt. Diese Rezension stand 1983 in „The German Quaterly. a journal of the American Association of Teachers of German“. Geschrieben wurde sie von Brigitte L. Bradley. Mehrere Ausgaben waren zu einem sehr dicken Buch gebunden worden. Solche Spezialitäten gibt es hier, und eins habe ich verstanden: Das DLA hat nicht alles, sondern mehr als alles. Das begeistert mich sehr!

Meine Lektüre heute Abend sind Rilkes „Gedichte an die Nacht“ aus dem Insel-Verlag. Und überall begegnen mir Engel in seiner Poesie; weit mehr als ich dachte.

Tag 2 – Regen auf der Schillerhöhe

Hier in Marbach hat es viele Hügel. Die Schillerhöhe ist der höchste Hügel und ich kann ohne Treppen entweder links oder rechts um die Museen und das Archiv herumgehen. Sogar mitten hindurch geht es über recht stark ansteigende Rampen. Seltsamerweise stelle ich einmal wieder fest, dass mein aufmüpfiges Bein Steigungen mag und bergauf immer Ruhe gibt. Also ist der Aufenthalt in dieser wunderschönen Landschaft für mein Bein ein erholsamer Reha-Sport. Ich genoss die Herbstfarben und den Sturm, der heute über die Schillerhöhe fegte, als ich auf dem Weg zur Kirche war. Dazu gehe ich erst ein Stück den Hügel hoch und auf der anderen Seite wieder hinunter, aber nur halb. Dort traf ich auf die sehr offenen, erfreuten Geschwister der EmK Marbach, geriet in einen wunderschönen Gottesdienst mit Chorgesang, da gestern hier ein Chortag stattgefunden hatte. Danke an euch, liebe Geschwister! Ich habe auch einen Schriftstellerkollegen kennengelernt in der Gemeinde. Kommenden Sonntag zeigen wir uns, was wir fabriziert haben, sofern mein Bücherkoffer bis dahin angekommen ist. Was ich doch schwer hoffe… Auf dem Heimweg gab es reichlich Regen, was gut für meine Locken ist, wie mir eine liebe Freundin unlängst gesagt hat. Karl Valentin meinte: „Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“

In meiner Stube warteten sowohl „Die Erzählungen des Malte Laurids Brigge“ auf mich als auch die neu erschienene Rilke-Biografie „Das offene Leben“ von Sandra Richter, der DLA-Leiterin. Heute habe ich mich Letzterer intensiv gewidmet und nähere mich der Hälfte. Rilke wurde seinerzeit ja sehr für seine wunderbare Vortragsweise bewundert und gelobt, mit der er seine nicht eben einfach vorzulesenden Poeme in Salons und Lesungen zum Besten gab. Allerdings ist ihm das ebenso wenig zugefallen wie die Gedichte selbst, er übte und studierte den jeweiligen Vortrag sorgfältig ein; und hatte wohl auch mit Dreißig noch Lampenfieber, so steht es in der Biografie. Und davor ist niemand sicher, egal wie berühmt oder gerade weil so berühmt.

„Bleiben ist nirgends“: Rilke zum 150. Geburtstag

Viele von euch kennen den Klarinettisten Harald Maihold von meiner Lesung nach dem Kurzgeschichtenpreis der Hamburger Autorenvereinigung, die im Teehaus in den Wallanlagen stattfand. Harald hatte eine Suite komponiert, in denen er Noten nach Buchstaben meines Namens verwendete und sich pro Satz auf eins meiner Bücher konzentrierte. Uns beiden hat diese Veranstaltung große Freude bereitet.

Während ich in ganz anderen Themen steckte und mein schriftstellerisches Leben 2025 nahezu auf Eis lag, hat Harald zusammen mit seiner Frau Rahel ein wunderbares Format entwickelt, das wir euch nun präsentieren dürfen. Mein Leib- und Herzdichter Rilke, dessen Werk eine große Inspiration für mich ist, steht dabei im Mittelpunkt.

Nun kehren Harald und ich zusammen mit Rahel Rabea Holtz-Maihold sowie der Fagottistin Amy Isard ins Teehaus zurück und freuen uns auf euch, um mit einer magischen Performance aus Lyrik und Musik, gepaart mit Einblicken in Schriftstellerleben und in meine Lyrikkonzeptionen, Rilkes Geburtstag zu feiern.

„Bleiben ist nirgends“: Rainer Maria Rilke zum 150. Geburtstag
Lyrik von Rainer Maria Rilke und Maren Schönfeld
Klassische Musik für Klarinette und Fagott von Beethoven, Mozart u.a.

Teehaus in den Wallanlagen
Planten un Blomen (neben der Eisbahn)
Zeit: Dienstag, 2. Dezember 2025, 19 Uhr

Vortrag/Lesung:   Rahel Rabea Holtz-Maihold und Maren Schönfeld
Musik:  Harald Maihold (Klarinette | Bassetthorn ) und  Amy Isard (Fagott)

Am 4. Dezember 1875, vor 150 Jahren, wurde der Dichter Rainer Maria Rilke geboren, dessen Gedichte nach der Weimarer Klassik und Hölderlin als letzter Höhepunkt der deutschsprachigen Lyrik gelten. Aber auch seine Briefe und seine Übersetzungen französischer Dichter haben ihn als Schriftsteller bekannt gemacht. Mit einer Auswahl seiner Werke werden wir an diesen bedeutenden Lyriker erinnern. Auf der Suche nach der Aktualität des Dichters werden den Texten von Rilke inspirierte Gedichte aus unserer Zeit gegenüber-gestellt, die aus der Feder der Lyrikerin Maren Schönfeld stammen, die u.a. 2017 mit dem Lyrikpreis der Hamburger Autorenvereinigung ausgezeichnet wurde.

Veranstalter: AWO Landesverband Hamburg, in Kooperation mit der Hamburger Autorenvereinigung
Eintritt: 6 Euro, auch für HAV-Mitglieder
Kartenvorbestellung per E-Mail an sabine.witt@awo-hamburg.de