Mit im Gepäck nach Marbach, glücklicherweise im Handgepäck, denn das aufgegebene Gepäck ist noch immer irgendwo verschollen, aber das ist eine andere Geschichte… mit im Handgepäck also hatte ich das Original eines Briefs von Peter Rühmkorf, in dem er meine zugegebenermaßen noch nicht ausgereiften lyrischen Erstversuche als „gute Hausmusik“, aber immerhin „teils lässig, teils schmissig“ bezeichnet hatte. Denn der Bibliothekar, der dessen Nachlass hier in Marbach verwaltet, hatte vor meiner Reise mein Angebot angenommen, diesen Brief mit in den Nachlass aufzunehmen. Was ich nicht wusste: Rühmkorf hatte schon unsere Korrespondenz mit in den Nachlass genommen (statt sie wegzuwerfen, wie ich annahm). Was ich heute aus dem sehr netten Gespräch mit den zuständigen Herren des DLA erfuhr: Rühmkorf hat offenbar gar nichts weggeworfen. Der Nachlass umfasst über 500 Archivkästen an Papieren. Jeder Kasten beinhaltet einen Umfang von etwa der Menge, die in zwei Aktenordner passt. Das macht also 1.000 (tausend?!) Aktenordner. Wie viele Blätter passen in einen Aktenordner? Ich will es gar nicht wissen… Fotos und andere Medien sind extra in noch mal… ich glaube, er sagte 80 Kästen. Meine Hochachtung vor den Bibliothekaren! Ich hatte ja keine Ahnung, was für eine wunderbare und anstrengende, geduldige Arbeit sie leisten. Jedes einzelne Stück wird erfasst, katalogisiert, digitalisiert und in das riesige digitale Archiv in Marbach eingepflegt. Ihr könnt übrigens selbst nachschauen, was es dort so gibt: https://www.dla-marbach.de/katalog/
Bei dem sehr netten Gespräch und der Einladung zum Kaffee erzählte ich noch ein bisschen von den beiden Literaturseminaren bei Walter Kempowski 1999 und 2000, für mich eine prägende Erfahrung im Prosaschreiben. Dort lernte ich auch Peter Rühmkorf kennen und einige andere Berühmtheiten, die nach dem offiziellen Teil des Seminars in Kempowskis von ihm so bezeichneter „Lotterecke“, bestehend aus großen Ledersofas, viel Wein tranken und dies und das rauchten, während der Gastgeber längst mit Ohropax im Bett lag. Man sagt, es sei dort zu späterer Stunde wild zugegangen, vor allem bei den Referenten und Gästen, die in Nartum übernachteten. Da war ich aber schon im Hotel, spießig wie ich war und bin, und schrieb mir noch einiges auf, was ich am Tag gelernt hatte. Und saß am nächsten Morgen mit gezücktem Bleistift vor Kempo, der in einer Hand seine Notizen und in der anderen die Fliegenklatsche hielt und, wenn eine Fliege kam, zielgerichtet zuschlug, ohne den Vortrag zu unterbrechen. Seine Vortragsunterlagen für das Romankonzept habe ich gestern schon eingesehen, die liegen hier in Marbach, aber der eigentliche Nachlass liegt in Berlin. Ist ja nicht so weit weg von Stade.

PS: Nein, es hat mich nicht umsgeworfen. Vielleicht am Anfang, aber mein Partner baute mich liebevoll auf und schaffte es, mir diese Zeilen als Ermunterung zu verkaufen, und ich ging dann motiviert an die Arbeit…