Marbach-Blog Tag 1

24.10.26

Als ich gestern ankam, war es schon dunkel, und so führte mein erster Spaziergang mich durch den dunklen Park auf der Schillerhöhe. Ich ging neben einer dunklen Weite, in der sich Lichter in unterschiedlichen Farben weit entfernt zeigten und die heute, bei Tageslicht, einen Panoramablick über die Landschaft bot. Aber gestern, nach der langen Fahrt, wollte ich mich einfach noch etwas bewegen und wanderte rollatorig straßauf und straßab bis zum Supermarkt, in dem ich eine Viertelstunde vor Schluss noch einiges erstehen konnte, was nicht von der bereits gereinigten Schneidemaschine an der Frischetheke abhing. Die Taschen an den Rollator gehängt und wiederum straßauf und straßab zum Collegienhaus zurück. Auf dem Hin- und Rückweg pausierte ich auf einer Bank vor der Evangelisch-methodistischen Kirche und freute mich darauf, am Sonntag hier zum Gottesdienst zu gehen.

Mein Appartement im Collegienhaus hat sogar eine kleine Terrasse mit hohen Bäumen am Parkrand, auf der ich heute eine Weile in der Sonne saß. Aber natürlich war die Rilke-Ausstellung mein Ziel, und ich blieb den ganzen Tag über dort, um Handgeschriebenes, meist in Sütterlin, zu lesen. Kleine Zeichnungen waren auch dabei, die Rainer Maria Rilke vielleicht als Gedächtnisstütze oder als Schreibimpuls zum dazugehörigen Text angefertigt hatte, meist mit Bleistift. Er schrieb so klein und ohne Zeilenzwischenraum, dass ganze Gedichte auf eine winzige Seite passten. Herrliche Stunden hatte ich inmitten dieser seiner Dinge, ich sah sie vor meinem geistigen Auge auf seinem Stehpult liegen oder auf einem kleinen Tisch, auf dem er sie abgelegt hatte. Oder ich sah seine Hand in einer Jackentasche verschwinden und mit dem Notizbuch wieder hervorkommen, in der anderen den Bleistift, konzentriert den Blick erst ins Weite und dann aufs Papier richtend, um einen Entwurf niederzuschreiben.

Rilke meinte, man müsse auf Verse warten, könne sie nicht erzwingen. Ich glaube das auch. Natürlich kann ich mich jederzeit hinsetzen und schreiben, und natürlich kommt etwas Brauchbares dabei heraus, wenn ich mein Handwerk beherrsche. Aber ein Gedicht, das Kraft hat und stark ist, das muss wachsen, manchmal wochenlang oder noch länger. Und eines Tages ist es soweit, ist es reif wie eine Frucht, die ihren höchsten Reifegrad erreicht hat und genau in dem Moment gepflückt werden muss. Dann muss das Gedicht geschrieben werden und dann ist meist zumindest der größte Teil relativ klar. Rilkes erste Duineser Elegie steht in winziger Schrift in einem kleinen Notizbuch, vielleicht DIN A6 groß, inmitten anderer Notizen, auf kariertem Papier ohne freie Zwischenzeilen: Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören.  Die erste Korrektur setzt er erst einige Zeilen später, und es sind insgesamt wenige Korrekturen in dieser ersten Fassung. Denn er hat gewartet, bis sich die Worte und Verse in seinem Innern verfestigt hatten. Dann brauchte er nur noch aufzuschreiben, was in ihm klang und ihm diktiert wurde. Dennoch entbindet so ein Geschenk nicht von der Pflicht zur kritischen Bearbeitung in späteren Schritten.

Heute habe ich nicht die gesamte Ausstellung konzentriert angesehen. Ich werde in den kommenden Tagen noch mehrmals dort sein und nur solange bleiben, wie ich konzentriert lesen kann. Ein Sütterlin-Alphabet fand sich im Internet und kann mir zumindest bei sauberen Handschriften helfen. Ich fühle mich an meine Zeit in der Berufsausbildung erinnert, als wir Lehrlinge beim Grundbuchamt Einträge aus den alten Grundbüchern abschreiben mussten, die damals noch als gebundene Papierbücher, ungefähr im Format DIN A3, handschriftliche Einträge enthielten, nicht selten in Sütterlin. Es ist doch spannend, wie sich das erworbene Wissen im Laufe der Lebenszeit miteinander verbindet, auch wenn es aus ganz unterschiedlichen Bereichen stammt.

Meine Orte von heute

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