Eines Tages in Hamburg-Ottensen. Ich ging an der „Motte“ vorbei und schaute – natürlich! – ins Tauschregal. Da stand ein wunderschönes blaues Buch mit hübschen Verzierungen. So etwas gibt jemand weg? Was ist, wenn es regnet und das kleine Schätzchen nass wird? Sogar in alter Schrift gedruckt. „Wer hat dich nur ausgesetzt, armes Ding?“, murmelte ich und schob die schwergängige Plexiglastür zur Seite. Griff es und steckte es in die Tasche, nahm es mit nach Hause, legte es eine Nacht auf die warme Nachtspeicherheizung. Und stellte es dann erst mal ins Bücherregal.
Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit verging, bis ich es wieder in die Hand nahm und auch endlich las. Hermann Sudermann hieß der Autor, ich hatte nie von ihm gehört. Doch er war, wie die Recherche ergab, zu seiner Zeit kein Unbekannter gewesen, sondern sogar einer der bekanntesten Schrifsteller aus Ostpreußen. Am bekanntesten waren und sind wohl vielen Menschen heute noch die „Litauischen Geschichten“. Aber auch „Frau Sorge“, ein früher Roman aus seiner Feder, war ein vielbeachtetes Buch, das sogar zweimal verfilmt wurde.
Aus meinem Nachwort: „Die früh entstandene Geschichte um Paul Meyhöfer und seine Familie ist von Werten der wilhelminischen Zeit geprägt. Die Ehre der Familie, Gehorsam, Disziplin und ein hoher Arbeitsethos hatten große Bedeutung. So ist der Charakter des Vaters aus dieser Sicht ebenso unrühmlich wie das Verhalten der Zwillingsschwestern, und Paul fühlt sich als noch zu Hause lebender Sohn sowohl dafür verantwortlich als auch für das Auskommen der studierenden Brüder, die es mit dem Studieren allerdings wohl nicht so genau nehmen. Umso mehr strebt Paul danach, für sich ein gutes Ansehen zu erreichen und somit den Gesamteindruck der Familie und damit den Status seiner Mutter zu verbessern. In dieser Fixierung auf die „abtrünnigen“ Verwandten sieht er sich selbst zunächst nur als Lückenbüßer und ausgleichende Kraft. Angelehnt an eine märchenhafte Rezeption der Geschichte, erscheint die neue Herrin von Helenenthal, die auch noch Helene heißt, als gute Fee für Pauls Mutter Elsbeth. Die Bedeutung des Namens Helene als die Strahlende, Leuchtende oder auch die Schöne lässt natürlich sofort an die schöne Helena der griechischen Mythologie denken. Auch ihre erst fast ätherisch beschriebene Tochter, nach Pauls Mutter benannt, wird für den Helden der Geschichte den Wendepunkt bringen und ihm zu unerwarteter Kraft verhelfen.“
Hermann Sudermann beschreibt Armut und Sorgen auf der Matrix der Heldenreise mit märchenhaften Motiven. Seine Landschaftsbeschreibungen sind hinreißend schön, und auch die inneren Bewegungen seiner Figuren wusste er berührend zu schildern. Es ist ein leises, langsames Buch in einer poetischen, zarten Erzählsprache, das mich erst beim Lesen und später in der Bearbeitung in seinen Bann gezogen hat.
