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Tag 2 – Regen auf der Schillerhöhe

Hier in Marbach hat es viele Hügel. Die Schillerhöhe ist der höchste Hügel und ich kann ohne Treppen entweder links oder rechts um die Museen und das Archiv herumgehen. Sogar mitten hindurch geht es über recht stark ansteigende Rampen. Seltsamerweise stelle ich einmal wieder fest, dass mein aufmüpfiges Bein Steigungen mag und bergauf immer Ruhe gibt. Also ist der Aufenthalt in dieser wunderschönen Landschaft für mein Bein ein erholsamer Reha-Sport. Ich genoss die Herbstfarben und den Sturm, der heute über die Schillerhöhe fegte, als ich auf dem Weg zur Kirche war. Dazu gehe ich erst ein Stück den Hügel hoch und auf der anderen Seite wieder hinunter, aber nur halb. Dort traf ich auf die sehr offenen, erfreuten Geschwister der EmK Marbach, geriet in einen wunderschönen Gottesdienst mit Chorgesang, da gestern hier ein Chortag stattgefunden hatte. Danke an euch, liebe Geschwister! Ich habe auch einen Schriftstellerkollegen kennengelernt in der Gemeinde. Kommenden Sonntag zeigen wir uns, was wir fabriziert haben, sofern mein Bücherkoffer bis dahin angekommen ist. Was ich doch schwer hoffe… Auf dem Heimweg gab es reichlich Regen, was gut für meine Locken ist, wie mir eine liebe Freundin unlängst gesagt hat. Karl Valentin meinte: „Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“

In meiner Stube warteten sowohl „Die Erzählungen des Malte Laurids Brigge“ auf mich als auch die neu erschienene Rilke-Biografie „Das offene Leben“ von Sandra Richter, der DLA-Leiterin. Heute habe ich mich Letzterer intensiv gewidmet und nähere mich der Hälfte. Rilke wurde seinerzeit ja sehr für seine wunderbare Vortragsweise bewundert und gelobt, mit der er seine nicht eben einfach vorzulesenden Poeme in Salons und Lesungen zum Besten gab. Allerdings ist ihm das ebenso wenig zugefallen wie die Gedichte selbst, er übte und studierte den jeweiligen Vortrag sorgfältig ein; und hatte wohl auch mit Dreißig noch Lampenfieber, so steht es in der Biografie. Und davor ist niemand sicher, egal wie berühmt oder gerade weil so berühmt.