Schlagwort-Archive: November

Danach

Ihr Schritt ist Gleichmaß, rhythmisch knirscht der Schnee. Jedes Jahr verwandelt der Winter den See in eine endlose Ebene. Das Nordufer ist weit, auch wenn es nah scheint. Alles, was einem auf dem See begegnet, scheint nah und ist fern.

Seit einiger Zeit sieht sie eine Gestalt, die sich langsam nähert. Sie fasst die Gestalt ins Auge, weil es sonst nichts zu sehen gibt; zu hören nur die eigenen Schritte. Manchmal bleibt sie für einige Sekunden stehen. Ihr Atem steigt in kleinen Schwaden auf.

Der Weg nach Hause, obwohl es jetzt seltsam ist, es Zuhause zu nennen. Aber wie sonst? Ort, an dem sie wohnt? Haus, in dem sie lebt? Es ist verändert nach dem Aufteilen seiner Sachen. Schreibtisch und Schrank fehlen, der Schrank, in dem die Schallplatten standen. Der Schreibtisch, an dem er täglich arbeitete.
Auf dem Teppich die hellen Stellen.

Die Begegnung mit der sich nähernden Gestalt. Längst hat sie die Nachbarin erkannt. Ein kurzer Gruß und es gibt nichts mehr, an dem ihr Blick sich festhalten kann. Nur ein Flugzeug, das mit lautem Brummen den See überfliegt. Sie kann keine Flugzeuge leiden, jetzt nicht mehr. Die Phasen der Trauer, sie hat ein Buch darüber gelesen und alle durchlebt, nur beginnen sie immer wieder von vorn.

Ein Vogel kreuzt durch die Luft, kreischt und begleitet sie ein Stück. Er ist tröstlicher als die mitleidigen Gesichter ihrer Eltern mit Fragen, auf die sie keine Antwort weiß.
Das Nordufer mit seinen Häusern nimmt an Konturen zu. Sie spürt die Kälte kaum.

Das leere Haus. Sie öffnet alle Fenster und steht in der Zugluft, bevor sie alles wieder verschließt und die Heizung anstellt. Er hätte den kleinen Ofen angeheizt. Sie verzichtet darauf und kocht sich Tee. Es ist immer noch ihr Haus. Vier helle kleine Quadrate auf dem Teppich. Sein Schreibtisch ist jetzt bei seinen Eltern. Diese leere Stelle ist das Schlimmste, durchfährt es sie. Er hätte gelacht und ihr geraten, einfach etwas anderes dort hinzustellen.

Sie stellt die Teetasse ab und holt ein Schränkchen aus dem Gästezimmer. Zwei der hellen Quadrate sind nicht mehr zu sehen. Dann die große Pflanze aus dem Flur auf das dritte Quadrat. Das vierte dahinter wird vom Grün verdeckt. Nun sieht der Raum völlig anders aus.

Die Teetasse in beiden Händen, tritt sie ans Fenster. Die Bäume schneebedeckt. Dahinter der See im anbrechenden Abend.

(aus Maren Schönfeld: Leib & Lieb, MärchenFrauenMemoiren, elbaol verlag hamburg, 2009)