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Tag 11 – Sudermann und das Allerheiligste

Seit gestern befasse ich mich intensiv mit den Schriften um Hermann Sudermann. Um einen wirklichen Coup zu landen, muss man mit dem richtigen Text zur richtigen Zeit am richtigen Ort auftauchen, heißt es. Sudermann hat das geschafft und mit seinem Stück „Die Ehre“ einen riesigen Erfolg erzielt. Auch sein erster Roman „Frau Sorge“ verkaufte sich herausragend. Aber Hermann Sudermann erlebte sowohl den größten Erfolg als auch die größte Verachtung und beißenden Spott, und das kommt bei ein und demselben Autor wohl eher selten vor. Mir stockte der Atem, als ich gestern und heute in einige Schriften aus der Zeit um 1903 las, wie extrem er angegangen wurde, wir würden das heute „Hatespeech“ nennen; damals war es in gedruckter Form in der Welt und hat sich bis heute erhalten. Ob die Interneteinträge das auch schaffen? Jedenfalls war dagegen der Roman „Tod eines Kritikers“ von Martin Walser, der seinerzeit die literarische Welt mächtig verstörte, eine höflich-ironische Schrift. Während seine Fans Hermann Sudermann weiterhin liebten, fiel er bei den Kritikern durch. Ist es nun für die Verkaufszahlen eines Buches gut, wenn es in der Kritik verrissen wird, oder schlecht? Reich-Ranicki sagte über sein Buch „Lauter Verrisse“, damit hätte er den Verfassern einen Gefallen getan, weil der Verriss durch die mediale Aufmerksamkeit die Verkaufszahlen erhöht hätte. Es gab aber auch Autoren, die das Gegenteil gesagt haben, dass nämlich ihr Buch erst gar keine Chance hatte, eine Leserschaft zu finden, weil es sich gleich gar nicht mehr verkaufte nach dem Verriss (im Buch oder im Literarischen Quartett). Natürlich wird man es nie herausfinden, weil man den Vergleich nicht ziehen kann, wie es ohne den Verriss verlaufen wäre.

Wie mag Hermann Sudermann sich gefühlt haben in der grotesken Situation, von einer Seite geliebt und gleichzeitig von anderer Seite verachtet, ja gehasst zu werden? Wohl war er selbst kein Kind von Traurigkeit, aber ich stelle es mir sehr schwer vor, sogar für jemanden, der sich zumindest nach außen wie ein alter Haudegen benahm.
Gestern sah ich mir den alten Spielfilm „Die Reise nach Tilsit“ (1969; es gibt auch eine Verfilmung von 1939) an, der von der starken Leistung der Schauspieler profitiert. Er ist nach der gleichnamigen Geschichte von Sudermann entstanden. Ruth Maria Kubitschek, Gustav Knuth und weitere Größen damaliger Zeit spielten mit. Sehr viel in dem Film lebt von dem, was nicht gesagt wird, das hat mir imponiert. Die Geschichte wurde 1917 als eine der „Litauischen Geschichten“ veröffentlicht, in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Hermann Sudermann war seit vielen Jahren sehr erfolgreich, seine Prosawerke erfuhren mehrere Auflagen und verschiedene Verfilmungen, seine Theaterstücke viele Aufführungen. Wer Lust hat, sich den Film anzuschauen, hier ist der Link: https://www.youtube.com/watch?v=ljpW9QNQVvM
Für die Arbeit an dem Thema Hermann Sudermann muss ich sehr weit zurück in die Vergangenheit und sehe doch viele Verknüpfungen in die Gegenwart. Ich bin gespannt, wie es damit weitergehen wird.

Mein heutiges Highlight war dann noch ein Ausflug in die unteren Etagen des Archivs: Mit dem Bibliothekar, der das Rühmkorf-Archiv erstellt hat, durfte ich einen Blick in die berühmten grünen Kästen werfen, derer es mehrere Regalwände gibt. Irgendwo darin sind meine ersten lyrischen Gehversuche, die haben wir aber lieber im Kasten gelassen …

Morgen ist mein letzter Tag im Archiv. Den widme ich noch mal den Handschriften Rilkes, dieses Mal per Computer. Und am Freitag fahre ich mit wunderbaren Eindrücken, nachklingenden Begegnungen und sehr viel Material zurück – und freue mich darauf, alles auszuwerten und meine Projekte, für die ich hier geforscht habe, fortzuführen. Davon wird auf diesem Blog zu einem späteren Zeitpunkt noch die Rede sein.

Danke fürs Mitlesen!