Denn sie lieben, was sie tun

Auf den ersten Blick scheint es, als ob fast alles Fantasy und New Romance wäre. Beide Genres fallen durch eine besondere Farbgestaltung ins Auge sowie durch malerische oder Tattoo-ähnliche Coverbilder. Die meisten dieser Titel haben ein größeres Format als man es von traditionellen Verlagspublikationen her kennt, allerdings oft auch größere Schrift und einen großzügigen Buchsatz, der das Lesen erleichtert. Einige Bücher sind fast zu dick und schwer, um sie beispielsweise abends im Liegen zu lesen. Das schreckt die Fantasy-Fangemeinde offenbar nicht ab.

Stand Debbie Bülau. Foto: Manuela Kowald

Der zweite Blick zeigt, dass sich andere Themen und Titel dazwischen befinden, die einen außergewöhnlichen Hintergrund haben. So hat die Heimatforscherin Debbie Bülau eine reich bebilderte Dokumentation von 696 Seiten über die „Heimatgeschichte von der NS-Zeit bis heute“ für den Ort Kutenholz und dessen Umgebung veröffentlicht. Für dieses Buch hat sie mehrere Jahre über die Opfer des Nationalsozialismus recherchiert und akribisch die Schicksale von Zwangsarbeiterinnen, KZ-Häftlingen, Kriegsgefangenen, Opfern der NS-Psychiatrie und kurz vor Kriegsende in der Samtgemeinde Fredenbeck verstorbenen britischen Soldaten sowie Wehrmachtssoldaten zusammengetragen. Ihre Suche nach Material deckte sogar eine Verbindung zwischen Queen Elizabeth II. und Kutenholz auf. Man fühlt sich direkt an das „Echolot“ Walter Kempowskis erinnert, das zwar einen ungleich größeren Umfang hat, aber auch auf jahrelanger Recherche und dem Zusammentragen von Feldpostbriefen, Tagebucheinträgen, Fotoalben usw. basiert. Der Titel „Niemand sollte zweimal sterben – erinnert euch an uns! „ist in einigen Gedenkstätten, Museen und örtlichen Buchhandlungen erhältlich sowie direkt bei der Autorin unter info@gedenkorte-kutenholz-und-umgebung.de

Cosplayer und das wahre Leben

Besucher jeden Alters und sogar einige Cosplayer, wie man sie sonst eher in Leipzig vorfindet, drängen in die Festhalle und inspizieren die ausgestellten Bücher und Lesezeichen. Und wie in Leipzig werden die Goodies freudig eingesammelt, diverse junge Mädchen stecken die Köpfe zusammen und bestaunen ihre ergatterten kleinen Schätze.

Cosplayer im Gespräch mit Rita Feinkohl.
Foto: Manuela Kowald

Wie einige der ausstellenden Autorinnen hat auch Rita Feinkohl ihren Stand liebevoll mit ihrem bislang einzigen Titel „Ich dank dir och schön“ dekoriert, dazu Schmuck und Tücher ausgestellt. In ihrer biografischen Geschichte verarbeitet sie ihre Erfahrungen mit einem behinderten Angehörigen, der sie lehrte, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Auf der einen Seite dieser positive Aspekt einer Betreuung, musste sie auf der anderen Seite mit Behörden und Institutionen kämpfen. Da der Protagonist Schmuck liebte, hat sie nicht nur das Buch, sondern auch Accessoires im Angebot, um ihm damit ein weiteres Andenken zu setzen – keine schlechte Marketingidee obendrein.

Mit dem Thema „Depression“ befasst sich die Autorin Jessica Düster alias Jessica Noir in ihrem Buch „Projekt Lea – Arbeitsnotizen der Depression RS21/4687/13“. Das Thema ist seit einiger Zeit nicht unbedingt mehr etwas Neues, jedoch hat Jessica Düster die Depression personifiziert und schreibt aus deren Perspektive statt aus derjenigen des Menschen, der an der Erkrankung leidet. Das gibt einen neuen Blick, der vielleicht Leser neugierig auf das Thema macht. Sie hat dieses Buch zum Thalia Storyteller Award 2024 eingereicht. Die Autorin hat mehrere Bücher geschrieben und Vorankündigungen weiterer Titel im Internet, die sie den Genres Horror und Romance zuordnet. Man kann sie auf Instagram unter @midnightinkscribe finden und im Internet unter www.jduester.de.

Haiku und Gruselgeschichten

Der Poet und Schriftsteller Manuel Bianchi hat Haiku-Dichtung und Gruselgeschichten in seinem Repertoire und erfindet für seine Gedichtbände Titel wie „poetricity“ (urbane Lyrik) oder „#commutiny“, dem neuesten Band mit Gedichten und Polaroids. „Die Gedichte entstanden in einem Zeitraum von dreieinhalb Jahren, eine Zeit der großen Umwälzungen. Die Pandemie hat ebenso wie andere persönliche Erlebnisse des Dichters ihre Spuren hinterlassen“, heißt es auf dem Klappentext. Neben der Poesie hat der Autor Leidenschaften für Fantasy, die schon erwähnten Gruselgeschichten und – Formationstanz. Davon berichtet er auf seiner Homepage www.manuelbianchi.de. Man kann ihm auf Instagram unter @manuelbianchipoet folgen.

3 Cover. Foto: Maren Schönfeld

Hat man früher strikt die Genres voneinander getrennt und darüber nachgedacht, ob Texte oder Projekte ausreichend „literarisch“ seien oder man sein Gesicht verlöre, wenn man dies oder jenes veröffentlichen würde, steht die jüngere Generation selbstbewusst zu den verschiedenen Facetten ihres Schreibens und färbt offenbar auch auf einige ältere Semester ab. Das gibt Hoffnung, dass die hierzulande sehr beliebte Be- oder Abwertung irgendwann weniger schnell erfolgen mag, als man es bislang gewohnt war. Und es kann allen Schriftstellern Mut machen, zu den verschiedenen Genres zu stehen, in denen sie unterwegs sind.

Starke Frauen, Thriller und starke Geschichten

Melanie Amélie Opalka schreibt „Romane für starke Frauen mit Entwicklungspotenzial“ und unter dem Namen Marley Alexis Owen Thriller mit der Hauptfigur Sara Konrad. So hat sie bereits zwei Romanreihen angelegt und feiert in diesem Jahr ihren zehnten veröffentlichten Roman. Die „Expertin fürs Feiern von Fehlern“ (Homepage) strahlt ebenso wie ihre Homepage https://melanieamelieopalka.de/ jede Menge positive Energie aus und empfängt die Gäste sehr herzlich an ihrem Stand.

Bierdeckel zum Mitnehmen gibt es bei dem Fantasy-Autoren Olaf Raack und seiner „Mirandor-Saga“, dazu reichlich Lesestoff mit seinen sieben Buchtiteln. Ehemals als Rapper unterwegs, hat er sich nun dem Schreiben zugewandt und präsentiert sich und seine Projekte auf seiner Website https://olafraack.de/.

Besucher in der Halle am Stand von „Mostly Premade“. Foto: Manuela Kowald

Die Frage, inwieweit die Selfpublisher und Kleinverlage sich Lektorinnen und Covergestalter leisten, wäre höchstens durch die Befragung aller Autoren zu beantworten, die auf der Himmelpfortener Messe anwesend waren. Stattdessen erfahre ich am Stand von „Mostly Premade“, dass sich die von der Inhaberin Nadine Most gestalteten Cover sehr gut verkaufen. Sie zeigt einige ihrer Arbeiten am Tablet und schlägt mir eine Gestaltung für einen Lyrikband vor, ein wenig verschnörkelt, aber irgendwie auch ansprechend. Die Coverdesignerin und Hörbuchsprecherin bietet ihre Arbeit für jeden Geldbeutel mit sehr flexiblen Modalitäten an. Weitere Stände von Gestaltern hätten mich interessiert, leider war Nadine Most die einzige.
https://nadinemost.de/mostlypremade/

Auch meine zweite Messerunde endet beim „Lovemoon“ Verlag für „Romance, New Adult & Romantasy“ (Quelle: https://www.lovemoon-verlag.de/) mit seinen farbprächtigen und großformatigen Büchern. Früher hatte man Goldschnitt, heute wird mit Farbschnitt gearbeitet, was dem zugeklappten Buch das Aussehen einer Schatulle verleiht. Wirkt passend für „Bücher für deine traumschönen Brausepulver-Momente beim Lesen“ (Verlagswebsite). Spannender finde ich das „Book Journal“, aufgemacht wie ein Freunde-Album aus meiner Schulzeit, wo sich Klassenkameraden mit Passfoto und einigen Steckbriefnotizen verewigen konnten. Das Journal ist ausgesprochen hübsch und liebevoll gestaltet. Das zweite Highlight ist der „Plot Planner“, ein gestaltetes Notizbuch zum Planen größerer Buchprojekte. Das ist, kaum zu glauben im Zeitalter der sich selbst überholenden Digitalisierung, für viele eine echte Konkurrenz zu Schreibprogrammen für Autorinnen und hat mich als Handschreiberin sofort begeistert.

Das Fazit ist positiv

Die alternative Buchmesse gewährte mir einen Blick in eine andere Lese- und Schreibwelt. Als ich Kind war, sagte man uns, dass Comics unsere Lesefähigkeit verdürben. Unsere Eltern hatten Sorge, dass wir keine „richtigen Bücher“ mehr würden lesen können. Dabei lasen sie selbst Utta Danella und Marie Louise Fischer. Waren das denn „richtige Bücher“? Noch früher hatte man Barbara Cartland, eine Weile später Rosamunde Pilcher, jetzt hat man New Romance, Cosy Crime, New Adult und Insta-Love. Lesen war und ist immer auch eine Leidenschaft, die ein Wohlgefühl hervorruft – entweder, weil man schwere und anspruchsvolle Lektüre bezwungen hat oder weil man sich in leichte und von den irrwitzigen Zeiten ablenkende Geschichten flüchten kann; oftmals auch, weil man Erkenntnisse aus der Lektüre gewonnen hat. Und seien wir ehrlich: Nicht jeder Spiegel-Bestseller ist ein literarisches Meisterwerk. Was wir Schriftsteller möchten, ist doch, gelesen zu werden. Den Ausstellerinnen in Himmelpforten ist es offensichtlich gelungen, ihre Fans zu finden und ihren Geschichten Flügel zu verleihen.

Eröffnung. Foto: Manuela Kowald

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