Das Schweigen der Mütter

zu dem Roman „Die Kuschellüge“ von Brigitte Cleve

Als die Protagonistin Laura nach fast zwanzig Jahren wieder in das Ferienhaus der Familie zurückkehrt, um dort die Haushaltsauflösung voranzutreiben, ergreifen sie traumatische Erinnerungen. Ihren Freund, der sie begleitet, weist sie aggressiv zurück. Ihr Aufenthalt in dem Haus beschert ihr ein Déjà-vu nach dem anderen, ausgelöst von Dingen wie dem Kacheldekor in der Dusche. Was war geschehen in dem einen Sommer mit Onkel Edi, der auf die damals Elfjährige aufpassen sollte? Und wer wusste davon?

Brigitte Cleves klar und taktvoll geschriebener Roman basiert auf einer wahren Begebenheit. Diese Geschichte könnte sich überall abgespielt haben, denn in den meisten Fällen findet Missbrauch in der eigenen Familie oder im engeren sozialen Umfeld statt. Wie die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung von Kindesmissbrauch in einer Studie 2016 ermittelte, waren in 70 Prozent der 200 untersuchten Fälle die Täter aus Familie und sozialem Umfeld. Dass die Familien den Opfern nicht glauben, dass die Mütter meistens Bescheid wissen und wegsehen, ist für die Opfer sehr verstörend.[1]

Von Schweigen umgeben

Auch Lauras Mutter hüllt sich in Schweigen. Die als schwierig geltende Tochter, die keine Beziehung einzugehen vermag und auch beruflich nicht so recht Fuß fassen kann, wurde zwar von ihrer Mutter seinerzeit aus der Situation befreit, jedoch mit ihrem Trauma allein gelassen. Und auch im weiteren Leben scheint Laura vergeblich auf die Begleitung ihrer Mutter zu warten, die für sie unerreichbar in ihrer termingefüllten Berufswelt lebt. Ein Zusammenhang zwischen dem Missbrauch in der Kindheit und den Problemen, mit denen die fast Dreißigjährige zu kämpfen hat, stellt die Mutter jedenfalls nicht her.

In detektivischer Kleinarbeit, von Freundinnen unterstützt, erforscht Laura die Vergangenheit. Dabei konfrontiert sie sich in direkter und manchmal sogar schonungsloser Weise – für die Gesprächspartner und für sie selbst – mit dem Geschehenen. Sie ist eine sehr starke Persönlichkeit, die auf diese Weise ihrer Vergangenheit und dem an ihr verübten Missbrauch auf die Spur kommt. Auch wenn sie zwischendurch der Mut verlässt, gibt sie nicht auf und wird am Ende das Familiengeheimnis lüften.

Brigitte Cleves Schilderung zeichnet aus, dass sie ohne drastische Bilder und sehr empathisch Charaktere und Geschehen abbildet. Als Leser/Leserin hat man nicht zu befürchten, mit unerträglichen Szenen konfrontiert zu werden; dennoch ist unzweideutig angelegt, was passierte und welche Folgen es bei dem Opfer Laura, aber auch in der Familie hatte, deren Mitglieder sich in ihrem Schweigen voneinander entfernt haben.

Die Zerstörungskraft eines Missbrauchs innerhalb der Familie wird in diesem Roman sehr deutlich. Der klare Schreibstil ist mit Dialogen und, was besonders ist, mit Gedankenmonologen der Protagonistin Laura durchsetzt. Dadurch bekommt die Leserin/der Leser Einblick in ihre Gedankenwelt. Das Buch lässt mich hoffend – für Lauras weitere Zukunft – und betroffen zurück, ich fühle mich zum Nachdenken und Nachforschen angeregt.

Der dritte Roman

Brigitte Cleve hat mit diesem Buch ihren dritten Roman vorgelegt. Sachbücher, Gedichte und Erzählungen gehören ebenfalls zu ihrem Repertoire. Die Autorin lebt in ihrer Wahlheimat Flensburg.

Die Kuschellüge, Roman, Books on Demand, Norderstedt 2018

Website der Autorin

[1] Quelle: https://www.welt.de/politik/deutschland/article165519932/Wenn-Muetter-den-Missbrauch-ihrer-eigenen-Kinder-dulden.html

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