Eine andere Einsamkeit – Hochsensibilität als Romanthema

(c) Kadera Verlag
(c) Kadera Verlag

Während ich das Gefühl habe, dass unsere Welt immer lauter wird, immer voller mit Informationen und Nachrichten, stolpere ich über ein Buch, dessen Thema das genaue Gegenteil ist: Die Stille. Nicht die Stille in der Natur oder in der Nacht, sondern die Stille als ein Grundbedürfnis des Menschen. Es ist kein kontemplatives Sachbuch mit Anleitung zur Meditation, sondern ein Roman aus dem Hier und Jetzt, über eine Frau, die schon in ihrer Kindheit an dem Zuviel ihres Umfelds leidet. Als ihre Schwester geboren wird, melden die Eltern die dreijährige Xenia im Kindergarten an. Das Kind erlebt diesen Ort als die „Große Qual“ (S. 13), dessen Lärmmischung aus Geschirrgeklapper, Geschmatze, Geschrei und als Krönung der immer wieder erklingenden „Vogelhochzeit“ kaum auszuhalten ist. Ihre Versuche, sich innerhalb dieser Struktur zurückzuziehen, in Ecken zu verschwinden und allein zu spielen, scheitern an dem Eingewöhnungsprogramm der Erzieher. Xenia fühlt sich verkehrt, und dieses Gefühl soll ihr prägendes werden. Denn es wird nicht besser. Ihr Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug stößt allenthalben auf Unverständnis, vor allem bei ihrer Mutter, die glaubt, das Kind sei nicht „normal“. Das Einvernehmen mit dem Vater endet mit dessen Auszug anlässlich der Trennung der Eltern. Doch zuvor geschieht etwas, das Xenia einen Ausweg zu bieten scheint: Ihr wird in einem Schultheaterstück die Hauptrolle zugewiesen, sie soll eine selbstbewusste Anführerin spielen. Tatsächlich gelingt es ihr, in diese andere Haut zu schlüpfen, und sie erlebt, wie sie plötzlich gehört wird und etwas gilt. Wie sie dazugehört, nicht mehr außen vor ist. Es wird ihr Masterplan. Fortan teilt sie ihre Persönlichkeit in die authentische, wenn sie allein ist, und in die Rolle der extrovertierten Freundin, Schülerin und Tochter in Gegenwart anderer. Wenn sie den Stress der Rolle nicht mehr aushält, schützt sie Kopfschmerzen vor und zieht sich in ihr dunkles, stilles Zimmer zurück. Die Rolle wird Teil ihrer selbst, sie kann sie jederzeit abrufen und macht reichlich Verwendung davon, um endlich zur Gesellschaft zu gehören und sich in die bestehenden Strukturen zu integrieren, nicht zuletzt auch die Erwartungen anderer zu erfüllen. Doch als sie ihre erste ernste Beziehung – zu einem Professor ihrer Universität – erlebt, wird sie immer mehr von ihren beiden Persönlichkeiten zerrissen. Mit dem viel älteren, aber quirligen und umtriebigen Mann kann sie nicht mithalten. Immer wieder flieht sie in die Kopfschmerzlüge und quält sich gleichzeitig, ihn anzuschwindeln. Ist es sie selbst, die der Partner liebt, oder nur die Rolle? Wird die Beziehung zerbrechen, wenn sie sich zu ihrer wirklichen Persönlichkeit bekennt?

Schätzungsweise sind 15 bis 20 Prozent der Gesamtbevölkerung hochsensibel (www.hochsensibel.org). Sie geraten schneller an ihre Grenzen, weil die Intensität der Informationsaufnahme bei ihnen höher ist. Da sie mehr Informationen aufnehmen als ihre Mitmenschen, sind sie mit deren Verarbeitung auch ausführlicher beschäftigt. Hochsensible sind meist nachdenklich und reflektieren das Erlebte gründlich, sie sind tendenziell vorsichtig und zurückhaltend. Susanne Bienwald hat sich mit einem Roman diesem Thema angenommen, der einen Einblick in eine hochsensible Persönlichkeit ermöglicht, wie man ihn sonst kaum gewinnen könnte. Nach der Lektüre sieht man Menschen mit anderen Augen, fragt sich vielleicht, ob sich hinter einer Freundin oder jenem Bekannten möglicherweise noch eine andere Persönlichkeit verbirgt. Vielleicht findet man sich auch selbst ein Stück weit wieder in der Hauptfigur Xenia, vielleicht hat man sich selbst als irgendwie nicht ganz kompatibel mit der Welt empfunden und entdeckt erstmals, dass es Gleichgesinnte gibt und das Phänomen sogar einen Namen hat.

Susanne Bienwald baut das Buch aus der Rückzugsperspektive auf: Xenia hat sich in ein Sommerhaus am Wittensee verkrochen. Dort reflektiert sie das Geschehen, das die Leser*innen in Form von Rückblenden in Ich-Form miterleben. In der Jetzt-Zeit im Sommerhaus wechselt Bienwald in die dritte Person, wodurch keine Perspektivwechsel den Lesefluss stören. Ich habe das Buch zweimal hintereinander gelesen. Es ist ein stilles, tiefgehendes Buch, das viele Gedanken in mir angestoßen hat. Wie bei ihrem Hebbel-Buch („Da geht einer“, LIT Verlag Expeditionen, 2016) hat mir imponiert, wie tief Susanne Bienwald sich in eine Figur hineinzuversetzen vermag. Gleichermaßen unterstützen ihre bildhaften Landschaftsbeschreibungen die Stimmung des Romans und versetzen die Leser*innen in die ruhige Atmosphäre der schleswig-holsteinischen Wittensee-Region. Für mich war die abendliche Lektüre nach arbeitsreichen Tagen wie ein Ortswechsel, und auch ein Gedankenwechsel, ein Aufruf zur Entschleunigung, zum Hinsehen. Hochsensibel oder nicht – in unserer Leistungsgesellschaft inklusive Informationsflut kann es ein großer Gewinn sein, einmal aus dem Tempo und dem Lärm auszusteigen. Und sei es nur, um ein gutes Buch zu lesen – zum Beispiel „Wittensee“.

Susanne Bienwald: „Wittensee“, Kadera-Verlag, Norderstedt 2016, 224 S.

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