se Weisswörst änd se Brezl, Bäibie*

Buchcover
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Nach 30 Jahren hochdeutscher Dichtung, in der er sich vor allem durch eine sehr eigenwillige Art des Enjambements einen Namen machte, hat Anton G. Leitner nun seinen ersten Gedichtband in bairischer Mundart vorgelegt. Neben Fitzgerald Kusz mit Gedichten in fränkischer Mundart, häufig in der jährlich erscheinenden Zeitschrift DAS GEDICHT aus dem Anton G. Leitner Verlag vertreten, kenne ich eher plattdeutsch-hochdeutsche Bücher, was sicherlich an meinem nördlich gelegenen Wohnort liegt. Hat Kusz mir schon immer viel Freude bereitet, habe ich an Schnablgwax diebisches Vergnügen. Gar nicht so einfach für eine Hamburger Deern, das bairische Kauderwelsch auseinander zu tüdeln! Im Zuge dieser Bemühungen fange ich also an, laut zu lesen. Laut lesen, das ist ohnehin sehr gut bei Gedichten, und die mundartlichen Versionen laden förmlich dazu ein. Zwar gibt es auch Aufnahmen des Autors, jetzt sogar als Hörbuch, aber Spaß bringt es doch, es selbst zu versuchen. Oft kann man durch lautes Lesen hinter die Bedeutung der wirklich schräg aussehenden Wörter mit vielen Doppelmitlauten kommen. Schaut man dann auf die hochdeutsche Übersetzung, merkt man schnell, dass hier nicht einfach eine Handreichung zum Verständnis vorliegt, sondern dass Leitner auch in der hochdeutschen Variante seine satirische Komponente zu halten vermag. So wird aus „seina Oidn“ seine „Angetraute“ („Da Mezzgamoasda mediddiad“, S. 22/23) und „Gscheid obgschminggd“ wird mit „Psychoanalytische Charakterstudien“ (Überschrift Kapitel III, S. 100/101) übersetzt.

Das Buch ist in drei Kapitel aufgeteilt: I. Diaf einigschaugd (Intime Einblicke), II. Sauwa aufgschbiesd (Investigativer Versreport“ und III. Gscheid obgschminggt. Als Zugaben sind ein Gespräch zwischen Bernhard Setzwein und Anton G. Leitner über das poetische Potenzial der Mundart, ein Beitrag von Richard Dove über Leitners Mundartlyrik sowie Übersetzungen ins Englische, für mich fremd anmutende und daher spannende Schottische und Cockney enthalten. So wird das Buch zu einem mehrsprachigen Erlebnis.

Es zeigt sich, dass Anton G. Leitner vom Kleinen, Persönlichen ins Große, Politische kommt – und da wird niemand geschont, nichts beschönigt, sondern gedichtet, wie man es von einem Buch dieses Titels erwarten darf. Und nicht selten bleibt einem das Lachen im Halse stecken, wenn Leitner „auskemmane Woaddradiggale vom kommunaln Schbrachkontäina“ („Entwichene Wortradikale aus dem kommunalen Sprachcontainer“, S. 88/89) aufführt, die sich mit der Bezeichnung „Flüchdling“ beschäftigen, oder er die „Voiggsvadredda“ (S. 71) aufs Korn nimmt. Anton G. Leitner hält mit nichts hinterm Berg, und diese Offenheit und Position lassen den Lyrik-Band neben der sprachlichen Komponente auch inhaltlich zu einem wichtigen zeitgenössischen Werk werden, das auf provozierende Weise Stellung bezieht; und das längst nicht nur für Bayern. Das polterige Bairisch indes passt gut dazu, aber es gelingt Leitner, die hochdeutsche Variante gleichwertig zu gestalten.

Zurück beim Sprachspiel, wird dieses ganz verrückt, wenn das Bairische dem Englischen begegnet: Sowohl auf Bairisch als auch auf Hochdeutsch versteht Leitner das „Denglish“ zu bringen, und das ist wirklich saukomisch: „Änd oll siss Biadrinking in Hofbräuhaus“/And all this beer drinking in Hofbroyhouse“ (Mjnunigg Seidsiing, S. 104/105).

„Schnablgwax“ mit seiner erzählerischen Komponente – Leitner selbst bezeichnet die Texte als „Gedichtgeschichten“ – eignet sich auch für Leser*innen, die sonst nicht unbedingt zu Gedichten greifen. Ich empfehle es Literaturinteressierten und Menschen, denen es nicht egal ist, was um sie herum geschieht, gleichermaßen.

 

*“Mjunigg Seidsiing“, S. 105

Anton G. Leitner
„Schnablgwax“ Bairisches Verskabarett
edition DAS GEDICHT   edition lichtung
184 S., geb. Ausgabe € 15,90, e-Book € 9,99

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