Bild trifft Poesie trifft Komposition

Wie arbeiten wir eigentlich?

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Im „Arbeitsdreieck“ von Bild, Komposition (Wolfgang Schönfeld) und Poesie (Maren Schönfeld) gibt es drei Ebenen des Zusammenwirkens. Auf der ersten Ebene entsteht durch die Kombination zweier unabhängig voneinander entstandener Werke ein neues Gesamtwerk. Nahe liegt hier das Zusammenwirken von Lyrik und Musik, wie man es vielerorts erleben kann.

Etwas dichter rücken die Werke zusammen, wenn eines vom anderen inspiriert wurde. Entsteht eine Komposition konkret zu einem Gedicht oder einer lyrischen Kurzprosa, so versucht sie, die Stimmung des Textes einzufangen und zu verstärken. Musik kann den Klang der Lyrik aufnehmen und fortführen; sie kann auch einen Gegenpol bilden. Zu einigen Texten sind Klangcollagen entstanden, die während des Lesens eingespielt werden und dadurch ganz unmittelbar weitere Assoziationen ermöglichen. Andere, längere Kompositionen folgen auf den Vortrag des Textes oder sind ihm vorangestellt.

Durch die literarische Beschäftigung mit dem abstrakten Realismus entwickelte sich ein freieres, von den Formen der Lyrik losgelöstes Schreiben. Für das Erfassen eines solchen Bildes ist es notwendig, länger hinzusehen, zu verweilen – das hat diese Art Malerei mit der Lyrik gemeinsam. „Das Gedicht hört seinem Leser zu“ (Hilde Domin), so hört auch das Bild seinem Betrachter zu. Dabei werden aus Assoziationen Bilder, aus Bildern lyrische Formen. Im besten Fall entstehen wechselseitig tiefere Verständnis- oder Erkenntnisebenen, öffnet ein Werk den Zugang zum anderen. Ein Gedicht kann zu einem Bild eine Einstiegshilfe sein, ohne die Betrachtungsmöglichkeiten allzu sehr einzuengen. Malerei und Musik können weiterführen, wo die Schriftsprache versagt, wo es keine Worte mehr gibt. Im umgekehrten Sinn kann die Sprache die grundsätzlich abstrakte Form von Musik oder Malerei konkretisieren. Jedes Genre hat eben auch seine Grenzen.

Bei unseren Auftritten beobachten wir, dass Menschen zum Beispiel durch die Musikstücke Zugang zur Lyrik finden. Oder sie empfinden Texte als eine Art Interpretationshilfe, um sich der Komposition zu nähern.

Auf der dritten Ebene entstehen Werke aller drei Genres zu einem Thema, was die gegenseitige Inspiration nicht ausschließt. So haben wir anlässlich der Bundesgartenschau in Hamburg-Wilhelmsburg 2013 gemeinsam eine Haiku-Komposition-Kalender mit jeweils zwölf Haiku und zwölf Klangcollagen kreiert. Die Herausforderung an die Komposition ist, die Essenz in der gebotenen Kürze darzubringen; denn die jeweilige Komposition sollte nicht länger sein als die Vortragsdauer des zugehörigen Haiku.

Doch schon vorher ließen wir uns auf ein gemeinsames langjähriges Projekt ein. Drei Tage vor unserer Hochzeit im September 2011 kam es zu den Attentaten; ein Schock, der uns aus der Unbeschwertheit und Freude auf Heirat und Flitterwochen riss. Es mag eine Initialzündung gewesen sein, das bei uns beiden schon präsent gewesene Thema des Kommunikationszeitalters mit seinen Möglichkeiten und gleichzeitigen Vereinsamung der Menschen sowie dem biblischen Motiv der Sprachverwirrung zu kanalisieren. „Das Babel-Projekt“ umfasst Bilder des abstrakten Realismus, klassische Kompositionen, lyrische Texte und Grafiken zur Sprache und deren Verwirrung in unserer heutigen Zeit. Zu dem Projekt gehören auch eine Performance der Unwörter 1991–2014 und eine grafische Auseinandersetzung mit Hieroglyphen und Schriftzeichen verschiedener Sprachen. Es ist ein Projekt, das nicht zu einem Ende geführt werden kann, weil die Kommunikation und die damit verbundenen Schwierigkeiten nicht aufhören. Wir rücken durch die neuen Medien immer enger zusammen, können uns quer über den Erdball in Echtzeit austauschen – einander aber auch kaum noch entkommen.

Dies ist also eine Art gemeinsamen Lebenswerks, das immer wieder aufgenommen und fortgeführt wird. Eine Vorstellung in Form von Ausstellungen, Lesungen und musikalischen Darbietungen ist mit Teilen der Werke möglich, die zu einem konkreten Thema zusammengestellt werden (beispielsweise die Unwörter).

Unsere Werke sind thematisch zusammengestellt, wie der Haiku-Komposition-Kalender, und werden als Module nach einer Art Baukastensystem zusammengestellt. So bleibt die Performance offen und flexibel und kann auf den jeweiligen Anlass und Auftrittsort ausgerichtet werden. Hin und wieder arbeiten wir mit anderen Autorinnen und Autoren, die thematisch und in ihrer Schreibart zu uns passen, zusammen und können uns wegen dieses Systems gut auf Modifizierungen des Programms einstellen.

Es gibt aber auch Menschen, die uns fragen, warum das nun sein müsse, zum Beispiel Musik und Texte zu kombinieren. Wir glauben, dass es unbedingt zuträglich ist, aus den verschiedenen Genres ein Gesamtwerk entstehen zu lassen, das die Darbietung über eine Lesung oder ein Konzert hinaus hebt und eine Art multimediales Event ermöglicht, das im besten Fall lange im Gedächtnis bleibt.

(Dieser Beitrag erschien in der Publikation zu den Tagen der Poesie in Sachsen, die im August 2015 in Zwickau stattfanden)

 

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