2. Platz für „Rosas Hut“!

Fotos: Günther von der Kammer

Maren Schönfeld, Sabine Witt, Wolf-Ulrich Cropp, Joachim Frank (v.r.n.l.)
Maren Schönfeld, Sabine Witt, Wolf-Ulrich Cropp, Joachim Frank (v.r.n.l.)

Vor vollem Haus haben wir sechs Endrundenteilnehmer*innen gestern das Finale des Kurzgeschichtenpreises „unterwegs“ ausgetragen. Viele Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung waren gekommen, aber auch viele Gäste und sicherlich auch einige Freunde der Teilnehmer*innen – denn das Publikum ermittelte in geheimer Abstimmung die Siegerin/den Sieger!

Joachim Frank aus Prisdorf machte den ersten Preis mit seiner Geschichte über den Flug des Kondors. Ganz herzliche Gratulation, lieber Joachim!

Die Teilnehmer*innen der Endrunde mit der 1. V. der HAV Sabine Witt und dem 2. V. Wolf-Ulrich Cropp
Die Teilnehmer*innen der Endrunde mit der 1. V. der HAV Sabine Witt und dem 2. V. Wolf-Ulrich Cropp

Meine Geschichte „Rosas Hut“ schaffte Platz 2, was mich riesig freut. Es ist für mich auch eine Hommage an meine Großmutter, deren Kriegs- und Nachkriegserlebnisse in meine Geschichten und Gedichte Eingang fanden. Dieses ist der erste literarische Text, in dem ich Anfang der 2000er Jahre diese Erlebnisse verarbeitete. Inspiriert wurde ich dazu von Walter Kempowski seinem Seminar „Romankonzept“, an dem ich kurz zuvor in Nartum teilgenommen hatte, und von seiner eigenen romanhaft geschilderten Familiengeschichte, deren bekanntester Titel „Tadellöser & Wolff“ ist, der auch verfilmt wurde.

Rosas Hut

Das Seidenpapier zerraschelt die Stille, als Rosa ihn vorsichtig auswickelt. Ein zartes Gebilde aus cremefarbener Seide, einem Hauch Tüll und einer roséfarbenen Stoffrose. Sie tritt vor ihren alten Standspiegel und setzt den Hut behutsam auf ihre weißen Haare. Er ist so leicht, dass sie ihn kaum fühlt. Aus der zerschlissenen Blechschachtel kramt sie zwei Hutnadeln und steckt sie vorsichtig durch den feinen Stoff; gerade so, dass die Nadeln unsichtbar bleiben. Die alten Nadeln sind stumpf. Rosa braucht eine Weile, um sie in den Hut zu stecken, ohne den Stoff zu beschädigen. Versuchsweise zieht sie einige Haarsträhnen in die Stirn. Rosa lächelt. Genauso hatte er ausgesehen, der Hut, den sie vor vierzig Jahren besessen hatte.

Rosa streichelt die alte Blechschachtel, die schon Roststellen an den Ecken hat und deren Aufschrift „Singer“ in roten Buchstaben nur noch blass zu lesen ist. Sie verwahrt noch immer ihre alten Hutnadeln darin, obwohl sie seit damals nie wieder einen Hut getragen hat. Später, als sie es sich hätte leisten können, war sie einmal in ein Hutgeschäft gegangen, hatte einige Hüte aufprobiert, aber es war nicht dasselbe gewesen. Trotzdem besieht sie sich gern die Auslagen.
Und auf einmal hatte er dort gelegen, dieser Hut. Er gleicht dem alten wie ein Zwilling. Sie versucht, noch mehr Haarsträhnen darunter hervor zu ziehen, aber es gelingt nicht richtig. Damals hatte sie ihr Haar länger getragen.

Sie stand vor dem großen Standspiegel und probierte den Hut auf, den sie trotzig von ihrem letzten Geld gekauft hatte, obwohl die Nachkriegszeit einen solchen Einkauf nicht zuließ; diese Zeit, in der man jeden Tag auf der Jagd nach Essbarem war und aus Bettwäsche Kleider nähte. Aber dieser Hut war für Rosa mehr als ein einfacher Hut. Immer, wenn Rosa eine Enttäuschung erlebte, musste sie sich einfach etwas Schönes kaufen. Es war, als bezwänge so ein Kauf das Unglück. Und dieses Mal war es eben der Hut.

Rosa trug den Hut fast täglich. Stolz lief sie damit durch Hamburgs zerstörte Straßen und schenkte den vereinzelten Männerblicken keine Beachtung. Dass der Hut nicht recht zu den Bettwäschekleidern passen wollte, scherte sie ebenso wenig wie Marthas Entsetzen. Sie war nie so vernünftig wie Martha gewesen.

Mit Martha und auch allein zog Rosa in der Nachkriegszeit durch Norddeutschland, von Bauernhof zu Bauernhof, um ihre Habe gegen Essen einzutauschen wie die meisten Städter. Immer fuhr sie bis zur letzten Station mit der Bahn und ging dann zu Fuß weiter. Eines Tages stand sie vor einer Bäuerin, deren Namen Rosa nicht kannte und die desinteressiert Rosas alte Goldbrosche beäugte. Rosa war schon einen unendlichen Weg bis zu diesem Bauernhof gelaufen. Die letzten Meter hatte sie sich hergeschleppt in der Hoffnung, etwas zu essen beschaffen zu können für sich und Nina, ihre Tochter, die der Mann ihr hinterlassen hatte, dessentwegen sie den Hut hatte kaufen müssen. Nina war nun ein Jahr alt, der Krieg war vorbei und es wurde immer schwieriger, etwas zu Essen zu finden, ganz zu schweigen von Briketts, Kleidern oder Schuhen. Rosas gesamter Schmuck war schon getauscht, bis auf die paar Teile, die sie an diesem Tag dabei hatte, auch das Silberbesteck hatte sie schon geopfert.

Rosas Ohrringe und Kette hatte die Bäuerin schon abgelehnt. Nach einer Weile zeigte sie wortlos auf die Brosche und ließ ihren Blick langsam an Rosa hoch wandern.
‚Der Hut!‘, schoss es Rosa durch den Kopf. Sie hatte vergessen, den Hut abzunehmen, als sie aus der Stadt zurückgekommen war, ohne etwas zu Essen herbeihandeln zu können. Kurzentschlossen hatte sie nur eine Tasche und den Schmuck gegriffen und das Haus verlassen. Wie konnte sie nur so dumm sein! Sie schalt sich in Gedanken, um die Verzweiflung nicht spüren zu müssen, die  in ihr hochstieg; diese Ahnung, den Hut hergeben zu müssen.

Die Augen der Bäuerin verhielten bei ihm, dem cremefarbenen Hut, der schon bessere Zeiten gesehen hatte; der sie jeden Tag begleitete und ihr Spiegelbild mit der Eleganz versah, die sie eingebüßt hatte; der ihre rissigen Hände und die Falten im Gesicht vergessen machte. Die Bäuerin wies mit einem Nicken auf den Hut. Rosa schloss die Augen, rang mit sich, dachte an Nina, die hungrig bei Martha auf sie wartete; dann an den Mann und den Tag, an dem sie seinetwegen den Hut gekauft hatte, an Marthas Entsetzen damals im Café.

„Was ist nun?“ Die Bäuerin wurde ungeduldig.
Rosa sah ihr fest in die Augen und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Da zuckte die Bäuerin die Achseln, gab ihr die Brosche zurück und wandte sich zum Gehen. Rosa hatte seit zwanzig Stunden nichts gegessen, der letzte Teller Suppe war für die Kleine gewesen, und nun gaben ihre Beine nach.

Die Bäuerin war schon einige Meter gegangen, als Rosa tief Luft holte und sie zurückrief. Rosa zog langsam Hutnadel für Hutnadel aus dem Stoff, nahm den Hut ab, legte die Brosche dazu und gab alles der Bäuerin. Diese ging ins Haus und kam kurz darauf mit einem Kartoffelsack zurück. Rosa riss den Sack an sich und schaute hinein: ein paar Kartoffeln und ein Kohlkopf – eine jämmerliche Portion Essen für die Goldbrosche und den kostbaren Hut.
„Nicht mehr?“
„Hab nicht mehr.“
Rosa starrte, den Sack in der Hand haltend, der Bäuerin nach, bis sie im Haus verschwunden war. Sie fuhr sich mit der rissigen Hand über den Kopf, auf dem der Hut fehlte und fühlte sich, als hätte man ihr ein Stück ihrer selbst weggenommen.

Nachdenklich besieht Rosa sich den Hut auf ihren weißen Haaren. Schließlich zieht sie vorsichtig die Nadeln aus dem Stoff und legt sie in die Blechschachtel zurück. Den Hut bettet sie wieder in das Seidenpapier, stellt die Schachtel auf den Boden des Kleiderschranks. Diesen Hut wird sie nicht gegen Essen tauschen müssen, nicht gegen Essen und nicht gegen irgend etwas anderes. Dieser Hut wird mit ihr in diesem Schlafzimmer bleiben, bis sie nicht mehr da sein wird, und dann noch immer hier in Rosas Kleiderschrank liegen.

Es ist halb drei. Martha wartet im Café. Hastig nimmt Rosa ihren Mantel. Und nach einem kurzen Moment des Zögerns greift sie wieder zu der Schachtel und setzt den Hut auf. Rosa lächelt ihrem Spiegelbild zu. Martha wird Augen machen.

Erschienen in „Leib & Lieb MärchenFrauenMemoiren“, elbaol verlag hamburg, 2009. Das Buch ist nicht mehr im Handel erhältlich, aber ich habe noch eine Restauflage. Wer eins möchte, melde sich bitte bei mir.

5 Gedanken zu “2. Platz für „Rosas Hut“!

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